Ein bitterer Vorgeschmack

2022 ist es so weit: Die besten 32 Nationalmannschaften der Welt treffen sich zur vierjährlichen Kompetition um den Weltmeistertitel im Fußball in Katar. Katar, ein Staat im Aufschwung, der sich mit Geld all das nimmt, was andere ihm voraus haben. Der Menschenrechte für vernachlässigbar hält. Der anscheinend zu einer großen Sportnation aufsteigen will.

Man blicke nur mal auf die derzeit stattfindende Handball-WM in eben diesem Katar. Der internationale Handballverband IHF hat die FIFA anscheinend als Vorbild genommen und gibt nach außen hin ein ebenso korruptes Bild ab wie die Fußballoberen um Sepp Blatter. Da bekommt Deutschland aus fadenscheinigen Gründen eine Wildcard für die WM zugeschustert und Australien muss seine Sachen packen – weil Richtlinien des Verbandes nicht eingehalten wurden. Da gilt die Regel, wer drei Jahre nicht in einer Nationalmannschaft gespielt hat, bekommt die Möglichkeit, den Verband und damit auch seine Nationalität zu wechseln. Welchen Sinn das hat, außer auch die Frage nach der Nationalmannschaft zu einer rein monetären Angelegenheit verkommen zu lassen, bleibt offen.

Katar jedenfalls freut sich. Vor der WM konnte man unzählige europäische Spieler einbürgern, nur vier Einheimische sind unter dem 16 Spieler umfassenden Kader des Gastgebers. Dazu wird das Team vom bislang äußerst erfolgreichen Valero Rivera trainiert – dem Pep Guardiola des Handballs. Welche Unsummen der Emir insgesamt ausgegeben hat, ist Spekulationssache. Eine halbe Milliarde Euro ist im Gespräch. Und nicht nur das eigene Team, auch die Schiedsrichter sollen gekauft sein. So zumindest zahlreiche Äußerungen von Betroffenen nach dem äußerst umstrittenen Sieg im Achtelfinale gegen Österreich. Selbst die Atmosphäre im Stadion ist dem lieben Geld zu verdanken. Aus Spanien wurden Fans tatsächlich „eingekauft“, sie bekommen Tickets und Aufenthalt spendiert, um das Team aus dem Emirat lautstark zu unterstützen. Sonst wäre es ja schließlich keine rechte Heim-WM. Die Arbeiter übrigens, die für einen Hungerlohn die Hallen erbaut haben und Gerüchten zufolge dabei massenweise umgekommen sein sollen, erhalten keine Tickets. Selbst dann nicht, wenn die Hallen nicht ausverkauft sind, was bisher bei der Mehrheit der Spiele der Fall war.

Handball ist nach der letztjährigen Schwimm-WM nur das erste von vielen, vielen Events im Wüstenemirat. Der Fußball soll 2022 als der alles überragende Abschluss in die Geschichte eingehen. Zuvor finden die Weltmeisterschaften im Boxen, Radsport, Turnen und der Leichtatlethik in Katar statt. Wie es dann laufen könnte, sehen wir derzeit. Man muss sich wohl darauf einstellen, dass auch in sieben Jahren eine bunt zusammengewürfelte Heimmannschaft für Furore sorgt und dass Heimfans erkauft werden (und zwar in erheblich größerem Umfang als wir das gerade im Handball erleben).

Zumindest davor, dass die Spiele wie derzeit bei der Handball-WM noch nicht einmal im Free-TV laufen, brauchen sich die Fußballfans in Deutschland Stand heute nicht zu fürchten. Während im Handball beIN Sports, eine Tochterfirma von Al Jazeera, die Rechte vergibt, läuft das im Fußball direkt über die FIFA, die dafür eigens die FIFA-Division TV betreibt. ARD und ZDF hatten Mitte Dezember die Verhandlungen mit beIN Sports abgebrochen, eigenen Aussagen zufolge, weil Voraussetzung gewesen sei, nicht unverschlüsselt über Satellit zu übertragen. Dann hätten 18 Millionen Haushalte in Deutschland auf dem Trockenen gesessen. IHF-Präsident Hassan Moustafa hingegen betonte, es sei vor allem an finanziellen Diskrepanzen gescheitert. Nun können nur Sky-Kunden die Handball-WM live im TV verfolgen.

Problematisch wird die Diskussion bei einem Blick in den Rundfunkstaatsvertrag. Dort steht festgeschrieben, dass Großereignisse im deutschen Fernsehen frei empfangbar sein müssen. Dass eine Fußball-WM ein Großereignis ist, da sind sich die meisten einig. Bei Handball gehen die Meinungen schon eher auseinander. 2007 nach dem Weltmeistertitel bei der Heim-WM noch Volkssportart Nummer zwei, hat sich der DHB in den letzten Jahren durch interne Querelen selbst ins Abseits geschossen. Doch mit jedem erfolgreichen Spiel der deutschen Mannschaft wird die Zahl derer, die von einem Großereignis sprechen, wieder größer. Der zwangsweise Boykott jedenfalls stößt den meisten sauer auf, obwohl ein Boykott solcher Großveranstaltungen, bei denen Menschenrechte keinen Platz haben, eigentlich die einzige Alternative ist. Wie man derzeit sieht gilt das aber leider nur so lange, wie es einen persönlich nicht interessiert.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Hat dies auf tuttleandbuttle rebloggt und kommentierte:
    Sehr intéressante Analyse. Money talks!

Was denkst Du? Lass es uns wissen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.