Der Held nimmt den Hut

Er hat Fußballdeutschland für mindestens einen Tag das Topthema diktiert: Jürgen Klopp. Nach sieben Jahren verlässt er den Verein, den er zum Meister und Pokalsieger gemacht hat. Den er aus dem Tal der Tränen zurück an die Spitze des deutschen Fußballs und ins Herz von Europas Elite geführt hat. Bis zum vergangenen Sommer war er ein Zauberer, ein bodenständiger Arbeiter, der mit Emotionalität und Fußballverstand ein geniales Konstrukt gebaut hat. Das Puzzlestück, dass die Malocherseele im Ruhrpott verzückt und die Gegner vor unlösbare Probleme gestellt hat. Teamgeist, Laufbereitschaft und Tempofußball bildeten eine einzigartige Kombination und prägten Europas Fußball nachhaltig. Auf einmal war nicht mehr Barcelonas Tiqui-Taca in Mode, sondern Dortmunds Vollgasfußball.

Nicht nur in Dortmund zieht man den Hut vor Jürgen Klopp. Er hat sich nach seiner langjährigen Arbeit in Mainz mit dem Engagement in Dortmund in die absolute Trainerelite Europas hochgearbeitet. Richtig bewusst wird das erst mit der Verkündung seines Abschieds. Auf einmal wird in aller Welt über seine Zukunft spekuliert. Geht er nach Madrid, nach Manchester, nach London? Oder beerbt er 2018 gar Joachim Löw als Nationaltrainer? Derzeit wird vieles diskutiert, wenig davon hält durchdachten Argumenten statt. Trotzdem dreht die Gerüchteküche am Rad. Kein Verein der Welt würde zu Jürgen Klopp nein sagen, wäre er auf der Suche nach einem Trainer.

Sie kommt überraschend, und doch hat Klopps Entscheidung Hand und Fuß. Denn seit vergangenem Sommer läuft es nicht mehr rund beim BVB. Nur mit Mühe konnte man sich aus dem Abstiegskampf verabschieden, sicher gerettet ist man noch immer nicht. Spieltag für Spieltag erwarten Experten den Beginn einer Dortmunder Serie, die Rückkehr zu den furiosen Leistungen vergangener Tage. Und gleichzeitig wird mit jedem Spieltag die Hoffnung der Fans darauf kleiner. Der Blau-Schwarze Blog hat sich in dieser Saison schon einmal mit dem BVB beschäftigt, damals befand sich die Mannschaft noch am Anfang ihrer Krise, die im Winter ihren Höhepunkt nahm.

Es wird nicht einfach werden, den BVB zurück an die nationale Spitze zu führen. Jürgen Klopp ist dabei im Recht, wenn er sagt, unter ihm werde die Mannschaft immer an den vorherigen Erfolgen gemessen werden. So ist der Lauf der Dinge, so funktioniert das Fußballgeschäft. Allerdings wird auch sein Nachfolger mit ebenjenen Problemen zu kämpfen haben. Vor allem, wenn die Lösung am Ende Thomas Tuchel heißen sollte. Der Mann, der ihn in Mainz beerbt hatte, beerbt Klopp also auch in Dortmund? Da sind Vergleiche ja quasi ein Muss. Im Übrigen folgte Tuchel nicht direkt auf Klopp. Erst musste Jorn Andersen scheitern, bevor die Mainzer Erfolgszeit erneut begann. Und auch sein Nachfolger Casper Hjulmand scheiterte letzten Endes an den Erwartungen. Die werden auch auf Tuchel zukommen. Oder auf jeden anderen Nachfolger, den der BVB aus dem Hut zaubert. Es werden weitere Veränderungen, zum Beispiel im Mannschaftsgefüge, folgen müssen, um den BVB langfristig wieder erfolgreich zu machen.

Jürgen Klopp verkündet seinen Abschied und man hat das Gefühl, der Messias geht. Dortmund fällt in ein Tal der Tränen. Doch Klopp war kein makelloser Held. Er hatte genügend Schattenseiten, die nun in der allgemeinen Euphorie etwas unter den Tisch fallen. Klopp übertrieb es emotional in vielen Situationen. Er legte sich immer wieder mit Schiedsrichtern an, wirkte oft bissig und unnahbar. Seine Beziehung zu Journalisten ist ebenfalls als speziell zu bezeichnen. Bei guter Laune sind seine Interviews unterhaltsam, locker. Bei schlechter Laune werden sie schnell gehässig und unwirsch.

Mit Klopp verlässt eine Marke die Bundesliga. Jemand mit Ecken und Kanten, die an manchen Stellen auch zu eckig und kantig auftreten. Trotzdem wird er fehlen, und zwar ganz gewaltig. Nicht nur Dortmund, sondern der gesamten Liga. Denn dass er dort noch einmal eine Anstellung findet, gilt als ausgeschlossen. Präferiertes Ziel dürfte die Premier League sein, viele Deutsche wünschen ihn sich in der Nationalmannschaft. Dass er allerdings darauf wartet, bis Weltmeistertrainer Löw den Weg frei macht, ist nicht zu erwarten. Jürgen Klopp braucht das tägliche Tohuwabohu auf dem Fußballplatz, er zehrt von der Arbeit mit seiner Mannschaft.

Er, der Pöhler, der die Dortmunder Identität annahm und gleichzeitig prägte. Der Malocher, der Teile des Ruhrpotts beglückte und anderen Teilen die Hoffnung raubte. Er nimmt den Hut und sucht sein Glück in Zukunft woanders. Ein Held ist er nicht, will er auch gar nicht sein. Trotzdem wurde er im Moment der Verkündung und wird er bis zum endgültigen Abschied zu einem gemacht werden. Vielleicht gelingt sogar das abschließende Meisterstück, der nächste und letzte DFB-Pokalsieg der Ära Klopp in Dortmund. Es wäre ihm zu wünschen.

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