Unvereinbar?

Schweigen, Pfiffe, Scham: Schon wieder geriet im ersten Heimspiel der Saison 2015/2016 im Saarbrücker Ludwigspark das Sportliche für mehrere Minuten zur Nebensache. Grund war keine Opposition, und auch das Vereinspräsidium ist aus der Schusslinie. Zwar ist es Anlass des knapp 20-minütigen Protests des supportenden Teils der Saarbrücker Fans, doch Grund für die Zwietracht ist es nicht. Das Problem geht tiefer, viel tiefer als die Frage nach der Sinnhaftigkeit der weiter laufenden Protestaktion unter den Ultragruppierungen des FCS. Um den Verein herum bahnt sich die nächste Zerreißprobe an.

Doch fangen wir vorne an: Es liefen die ersten Minuten des Spiels gegen Freiburg II. Im Stadion, mit knapp 4800 Zuschauern ordentlich besucht, auch wenn die Ränge leerer aussahen, herrschte Stille. Und zwar nicht nur während der Schweigeminute vor Spielbeginn für den verstorbenen Stefan Beckenbauer. Fast hatte man das Gefühl, die Zuschauer seien langfristig von Trauer übermannt. Und eine Vermutung der Vorbereitung wurde Gewissheit: Die Protestaktion, 19 Minuten und drei Sekunden zu schweigen, geht auch in der neuen Saison weiter. Zwei Monate Sommerpause haben also nicht alle Fans vergessen lassen, was im Verein so alles schiefläuft. Von Beginn des Protests an hieß die Devise: Gebt den FCS frei! Gerichtet war und ist sie an das Präsidium um Hartmut Ostermann, Dieter Weller und neuerdings Florian Kern, außerdem an den von Ostermann geleiteten Hauptsponsor des Vereins, die Victor’s Unternehmensgruppe. Sie alle sollen sich vom FCS entfernen, und zwar vollständig. Völlig egal, was man von der Forderung an sich hält, erfüllt ist sie offenkundig bislang nicht. Nur konsequent deshalb, dass der Protest weitergeht. Die Initiatoren bleiben ihrer Linie treu.

Alles beim Alten also? Nein. Denn es regt sich Widerstand. Widerstand gegen das Schweigen, Widerstand gegen die Opposition, Widerstand gegen Fans, die das Fansein anders interpretieren, als man selbst das vielleicht tut. Widerstand gegen Ultras, Widerstand gegen das Fremde. Ein gellendes Pfeifkonzert hallte durch das Stadion, als die Kurve das Vereinslied des FCS anstimmte. „Wir sind vom FCS“ – Pfiffe. Motiviert war dieser Protest am Protest durch oben genannte Gründe. Mal überwog der eine, mal der andere, immer kristallisiert sich ein Kernproblem heraus. Aus einer heterogenen Einheit werden aus der Fanszene gegeneinander kämpfende Grüppchen.

Wenn sich, wie beim FCS, regelmäßig knapp 5000 Menschen an einem Ort treffen, die im Alltag nichts miteinander zu tun haben, eint sie vor allem eines: Die Liebe zu ihrem Verein. Ansonsten haben sie verschiedene Ansichten, zu politischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Fragestellungen. Doch Fremdheit heißt nicht gleich Ablehnung. Normalerweise. Wenn von beiden Seiten etwas dafür getan wird, Fremdheit abzubauen. Wie aktuell das in Deutschland ist, zeigen die dramatisch ansteigenden Terrorakte rechtsextremer Natur gegenüber hilfsbedürftigen Flüchtlingen. Da kommt jemand Fremdes, und Menschen reagieren mit Ablehnung.

Die Fremdheit begann mit dem Aufstieg der Ultrakultur. Plötzlich waren da junge Menschen, die nicht mehr im D-Block stehen wollten. Die die Kurve als Heimat der Fans betrachteten und daher in den E-Block umzogen. Ihm einen (inoffiziellen) neuen Namen gaben: Virage est. Im D-Block blieben Menschen zurück, die sich übergangen fühlten. Ihre Heimat war der traditionelle Fanblock des FCS, und sie wollten verdammt nochmal dort bleiben. Was fiel diesen Knilchen ein, alles umstürzen zu wollen? Der Konflikt war geboren. Fortan existierten zwei Fanblöcke, die Virage zeigte den längeren Atem und setzte sich durch. Doch es war immer ein Gegeneinander, gemeinsam kam man auf keinen Nenner. Gespräche scheiterten, Ärger setzte sich fest. Die neuen Ultras wurden misstrauisch betrachtet, das festigte ihre Isolation, die sie selbst anfeuerten. Man organisierte sich intern, nach außen hin wirkte es, als wolle man sich abgrenzen. Die Menschen im Stadion waren sich nicht mehr fremd, sie waren sich unsympathisch.

Viel Zeit ist inzwischen ins Land gezogen, das Verhältnis zwischen Virage est und dem restlichen Stadion hatte sich zwischenzeitlich, so schien es, normalisiert. Eine Freundschaft war es nicht, aber im Stadion wurde akzeptiert, dass ohne die Ultras stimmungsmäßig nichts mehr los wäre im Ludwigspark. Den altehrwürdigen D-Block gab es in seiner ursprünglichen Form nicht mehr, er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Dieser Tatsache war man sich aber auch innerhalb des E-Blocks bewusst. Unverzichtbar waren sie geworden für die Atmosphäre beim FCS, und das bestärkte den Drang, sich abzugrenzen, nur noch. Fans, die nicht 90 Minuten im Stadion standen und sangen, wurden kritisch beäugt. Der Graben wurde größer.

Dieser Graben zog sich zwischen zwei Gruppen. Aus individuellen Stadionbesuchern, in der Liebe zum FCS vereint, wurden zwei konkurrierende Lager. Die supportenden Ultras und der sich übergangen fühlende Rest. Immer existierte aber ein entscheidender Unterschied: Der Rest war nicht organisiert. Vor Kurzem nahm das ein Ende. Der „Dachverband der Fanclubs“ wurde ins Leben gerufen. Diese neue Organisationsform ist zwar dafür gedacht, ein einheitlicheres Bild abzugeben, sorgen aber nur für weitere Gräben. Wie auch bei der Zusammenkunft der Ultras werden einzelne Fans im Stadion nämlich schlicht ignoriert. Du bist in keinem Fanclub, sondern nur ein einfacher Dauerkarteninhaber? Dann gehörst du nicht dazu. Du bist im falschen Fanclub? Dann auch nicht. Du hast noch nicht mal eine Dauerkarte, kaufst deine Tickets regelmäßig am Kassenhäusschen? Dann erst recht nicht. Auswärtsfahrten sind dir zu weit? Bäh.

Der laufende Prozess der Organisation und damit auch der Abgrenzung ist nicht mehr aufzuhalten, sicherlich hat das auch positive Seiten. Vielleicht sollten sich aber einfach mal alle Stadionbesucher Gedanken darüber machen, was wir im Stadion suchen. Wir suchen schönen, spannenden Fußball, garniert mit möglichst guter Stimmung, Vereint werden wir durch unser Verhältnis zum 1. FC Saarbrücken. Wir wollen alle, dass der FCS erfolgreich ist. Dafür gehen wir ins Stadion, dafür singen einige von uns. Andere nicht. Wer wann und wie viel singt, sollte jedem selbst überlassen sein. Es ist verwerflich, andere schief anzuschauen, weil sie nicht singen. Es ist noch verwerflicher, andere auszupfeifen, weil sie 19 Minuten schweigen. Und dann auch noch, während diese Anderen das eigene Vereinslied singen. Unser Lied, das jedem im Stadion ein warmes Herz bereiten sollte. Das ist nicht nur verwerflich, das ist peinlich. Vor allem sorgt es absolut nicht für sportlichen Erfolg. Viel eher sorgt es für Verunsicherung auf dem Platz. Genauso übrigens, wie die eigene Mannschaft nach den ersten 90 Minuten der Saison und einem 0:0 auszupfeifen. Aber das ist eine andere Geschichte, ein anderes Problem.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Spirit sagt:

    Top Beitrag Lukas. Trifft absolut meine Meinung. Und ich gehe noch ein Stück weiter: Die VE hat es in der Hand, ob die Spaltung an Schärfe zunimmt, denn nur sie können als Einheit auftreten und Geschlossenheit in jede Richtung zeigen, auch in eine deeskalierende. Der Rest der Grüppchen erscheint dazu nicht genügend organisiert, schon gar nicht der Dachverband, das hat man deutlich am mangelnden Support gemerkt.

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