Farbe bekennen

Fußball. Ein Sport, der begeistert, der vereint, der integriert. Aber eben nur ein Sport. Der Blau-Schwarze Blog. Ein Sportblog, der sich hauptsächlich dem Fußball widmet. Der an dieser Stelle seinen Zuständigkeitsbereich verlässt. Politik? Hat nichts auf dem Sportplatz verloren. Diese Maxime wird oft nach außen getragen, wenn es um die WM in Katar oder Testspielreisen nach Saudi Arabien geht. Prominente Vertreter der organisierten Fußballverbände dieser Welt wie Franz Beckenbauer vertreten sie mit vollster Überzeugung. Um Korruption oder Marketingreisen soll es nun aber nicht gehen, und eben auch nicht um Fußball. Ich schreibe diesen Kommentar, um Farbe zu bekennen. Es geht nämlich gar nicht um Politik, es geht um Menschlichkeit, um Weitblick, um Fairness. Es geht um grundsätzliche Werte unserer Gesellschaft, um die Zukunft Deutschlands. All das wankt gerade bedenklich.

Der ein oder andere wird es sich schon denken können: Es geht um Flüchtlinge. Ausgangspunkt meines Anliegens ist ein Kommentar der NDR-Journalistin Anja Reschke zur steigenden Anzahl von Hasskommentaren in sozialen Netzwerken. Dort pallawern Kritiker der Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland völlig unsachlich, hetzerisch, beleidigend und vor allem diskriminierend vor sich hin. Beispiele gefällig? Aber gerne doch. Recherche ist nur in kleinstem Maße notwendig. In diesem Moment (Mittwoch, 12.08.2015, gegen 12:15 Uhr) öffne ich meine Facebookseite, auf meiner Startseite ein Bericht der Saarbrücker Zeitung. Flüchtlinge sollen in Zukunft an der Uni des Saarlandes studieren dürfen, wenn sie einen Eignungstest bestehen und die notwendigen Deutschkenntnisse vorweisen können. Innerhalb von 10 Minuten haben sich knapp 20 Kommentare angesammelt, in der Facebookwertung „Likes“ ganz oben steht diese Äußerung einer Nutzerin:

„Die Wolle doch langsam mal die leut verarschen oder“

Die Autorin zeigt in ihrem Kommentar vor allem, wie man nicht schreiben sollte, während man als Flüchtling gerade seine Deutschkenntnisse nachweisen muss. Doch ihrer Äußerung fehlt eindeutig die Härte, nach der ich suche. Also geht die bislang kurze Recherche weiter. Beispielsweise auf YouTube, unter dem Video aus den Tagesthemen, unter Anja Reschkes Kommentar. Ein paar Klicks und es geht weiter:

„Ich hab mal ausgeholfen in ner Unterkunft für Kosovoalbaner….echt wow …die neusten Handys, modische Klamotten…und bei den Fresszeiten wie die Wildschweine !“ (Nutzer Michael W.)

„Die Grünen und die Linke nennen es Flüchtlinge – Ich  nenne es Erorberung und Umsiedlung !“ (Nutzer Konrad P.)

Schon besser, aber noch nicht der Höhepunkt. Der Spiegel listet in seiner Ausgabe 31 vom 25.07.2015 einige Kommentare ,auf Facebook unter verschiedenen Postings gefunden, auf. Fast alle abgedruckten Kommentare wurden ursprünglich völlig ungeniert unter Klarnamen veröffentlicht.

„Haut ihnen mal richtig die Fresse voll damit sie mal Respekt bekommen“

„Die sollen mal Auschwitz zu ner asyl. Unterkunft umfunktionieren :D“

„Weil das verschissne judenpack und moslemgematsche uns immer mehr vereinnahmt. …wir sind die. …die keine Zukunft mehr haben in unserem Land. …drum ran ans Gewehr Kameraden oder was euch auch für ne Waffe in die Hände kommt. …nutzt sie und wehrt euch. …wir müssen die Maden auslöschen!!!!!!!!!“

Nun ist es so, dass die Masse an Hasskommentaren stetig wächst. Rechtsradikales Gedankengut wird offensiv wie nie an die Öffentlichkeit getragen, weil über das System der „Like“-Wertung auf Facebook oder anderen Plattformen plötzlich Anerkennung von jedem verteilt werden kann, und das völlig unkompliziert. Ein Klick genügt. So schaukeln sich eigentlich völlig irrelevante Nazis gegenseitig hoch. Und diese Menschen bestimmen immer mehr das Bild des typischen Deutschen, im In- wie im Ausland. Anja Reschke hat vollkommen Recht: Es ist Zeit, zu reagieren. Wer aus seiner Heimat flüchtet, tut dies nicht aus Gründen des Komforts. Niemand nimmt eine ungewisse, lebensgefährliche Reise in einem Schlauchboot über das Mittelmeer in Kauf, gibt sein ganzes Geld dafür aus, wenn er nicht leidet. Oder, um es mit den Worten von Tarek, Teil der Rap-Crew KIZ, auszudrücken:

„Denkt ihr, die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen?

Mit dem großen Traum, im Park mit Drogen zu dealen?

Keine Nazis, ihr seid brave Deutsche

Die sich nicht infizieren lassen mit der Affenseuche!“

Was nehmen wir uns heraus, Europa als unser Eigentum zu deklarieren? Das Vorrecht der Geburt? Sind wir im Mittelalter? Nein, sind wir nicht. Wer zu uns kommt und um Hilfe bittet, soll diese Hilfe auch bekommen. Brandanschläge sind aufs Schärfste zu verurteilen, es sind Akte des Terrors. Dementsprechend sind auch Aufrufe zur Gewalt, und seien sie auch noch so lächerlich formuliert, zu bestrafen. Und, nochmal zurück zu Anja Reschke: Diese Meinung muss geäußert werden. Unsere Öffentlichkeit darf nicht von rechten Idioten mit diskriminierenden Aufrufen zur Gewalt dominiert werden. Es ist höchste Zeit, dass auch die liberale, die weltoffene, die tolerante Mehrheit in Deutschland sich zu Wort meldet. Wir müssen dafür sorgen, dass niemand Angst davor hat, unsere Grenzen zu übertreten. Wir werden an die jetzige Zeit zurückdenken, sollten wir irgendwann einmal selbst in die schreckliche Situation kommen, unsere Heimat, aus welchen Gründen auch immer, verlassen zu müssen. Deshalb schreibe ich diesen Beitrag, diesen Kommentar. Um ein Zeichen zu setzen, um zu verdeutlichen, dass das Deutschland, in dem ich lebe, eben kein Haufen gewaltbereiter Fremdenhasser ist. Mein Deutschland ist bunt, tolerant, weltoffen. Und um den Bogen zurück zum Fußball zu spannen: Die Welt soll in Deutschland zu Gast bei Freunden sein!

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Spirit sagt:

    Wo kann ich unterschreiben? 3 meiner Freunde kommen aus dem Ausland, ein Brasilianer, der jetzt in Lissabon wohnt und arbeitet, ein Finne, arbeitet und lebt in Helsinki und ein Libanese der jetzt in Saarbrücken wohnt und arbeitet. Sie sind alle sehr tolerant, hilfsbereit und offenherzig. Und sie haben Anstand und geben sehr viel Wertschätzung an andere. Darüber hinaus habe ich Kollegen aus Kirgisien, Russland und Indien, die alle einen Superjob machen. Alle sind für mich Vorbilder.

Was denkst Du? Lass es uns wissen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.