Gewalt im Fußball: Pyrotechnik

Aus gegebenem Anlass geht heute die Blog-Serie „Gewalt im Fußball“ in die nächste Runde, und zwar mit einem facettenreichen und extrem aktuellen Thema: Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien. Für die einen sind Bengalos unersetzlich, für andere ein Mitmenschen gefährdendes Ärgernis, das obendrein noch verboten ist und unter Strafe steht. Eine solche Strafe erwartet auch den FCS nach dem gestrigen Saar-Mosel-Derby in Trier, sie könnte empfindlich ausfallen. Ein Auswärtsspiel ohne Öffnung des Gästeblocks hängt in der Schwebe, auch härtere Strafen sind möglich. Empfindliche Geldbußen im fünfstelligen Bereich nicht zu vergessen.

Beginnen wir mit den Vorkommnissen im gestrigen Spiel: Direkt nach der Pause startete im Gästeblock eine Pyroshow in blau und schwarz. Komplett eingenebelt feierten Teile der mitgereisten Fans ihre Choreographie und vor allem sich selbst. Mit größtmöglicher Unterstützung für ihre Mannschaft und ihren Verein hat ihr Verhalten nichts zu tun, aPYRO TRIERber dazu später mehr. Bereits in Hälfte eins waren rote Bengalos gezündet worden.Während der Show zu Beginn der zweiten Halbzeit zog der Schiedsrichter dann die Konsequenz, beide Mannschaften zurück in die Kabine zu bitten. Die zweiteHälfte startete mit 15-minütiger Verspätung. Nach ungefähr 70 Minuten spitzte sich die Situation dann weiter zu. Auch im Trierer Fanblock wurde nun reichlich gezündelt, erneut wurde das Spiel unterbrochen. Wohl nur durch einträchtige Überzeugungsarbeit beider Mannschaftskapitäne kam der Schiedsrichter nach knapp 20-minütiger Spielunterbrechung wieder zurück auf den Rasen. Das Spiel konnte fortgesetzt und beendet werden, ein überraschender und unglaublich wichtiger FCS-Auswärtssieg in letzter Minute wurde deshalb ermöglicht.

Warum gibt es Pyrotechnik überhaupt? Diese Frage sollte man zu allererst beantworten. Pyrotechnik wird heute unweigerlich mit der Ultras-Kultur in Deutschland verbunden. Allein dieser Grundgedanke ist falsch. Pyrotechnik gab es schon, lange bevor sich die Ultras in Deutschland ausbreiteten. Vor über fünfzig Jahren sind in Deutschland bereits aus Fanblöcken aufsteigende Rauchschwaden datiert. Damals waren pyromantische Vorgänge aber vor allem den Hooligans zuzuordnen, die damit befeindete Blöcke und Fangruppierungen angreifen wollten. Rund um das Frankfurter Waldstadion sind während einigen Spielen sogar Waldbrände entstanden. Pyrotechnik als reines Stimmungsinstrument fand vor 30 Jahren seinen Weg nach Deutschland, über Kaiserslauterns Betzenberg. Lauterns Fans hatten sich bei einem Europapokal-Spiel in Italien in die bunten Rauchschwaden verliebt, die heute in der seit Jahren andauernden und trotzdem aktuellen Debatte meist mit Pyros gemeint sind.

Also brachten sie ihre Entdeckung mit nach Hause und sorgten für farbenfrohe Choreographien in den eigenen Vereinsfarben. Auch große Transparente, heute ebenfalls unentbehrlicher Teil von Choreographien in Fußballstadien, kamen um diese Zeit in die Bundesliga. Das alles lange vor den Anfängen der deutschen Ultras. Entwickelten sich rund 10 Jahre später, als Pyrotechnik in Deutschlands Fußballstadien immer weitgreifender verboten wurde. In ihren Augen waren die Leuchtfeuer aber längst zu einem unentbehrlichen Teil von Fußballkultur geworden. Nun ist es die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen, mit wie viel Emotionalität er selbst Rauchschwaden und Funkenflug verbindet. Es ist aber nun einmal fakt, dass in Deutschlands Stadien Pyrotechnik eine Straftat ist.

Und das hat durchaus seine Gründe, die jeder nachvollziehen kann, der schon einmal in einer dichten, stinkenden Rauchschwade stand. Atemwege werden angegriffen, die Augen beginnen zu brennen. In einem dicht gefüllten Block gibt es kaum eine Möglichkeit, sich dem Rauch zu entziehen. Wer also zündelt, bestimmt automatisch über Umstehenden mit. Die müssen die Unannehmlichkeiten der Pyrotechnik ertragen, ob sie es wollen oder nicht. Ausweichen ist im dichten Gedränge eines Fanblocks selten möglich.

Natürlich herrscht auch Verbrennungsgefahr, die wird aber in der öffentlichen Debatte meist dramatisiert. Ernsthafte Verletzungen entstehen selten. Dass sie aber entstehen, ist nicht abzustreiten. Vor allem in Verbindung mit Alkohol kann es in einem gut gefüllten Fanblock schnell zu Unfällen kommen. Wer Pyrotechnik zündet, trägt Verantwortung. Leider ist sich die Mehrheit dieser Verantwortung nicht bewusst. Wer auch nur irgendeine Form von entzündetem Material wirft oder fallen lässt, gefährdet eine Menge Mitmenschen.

Deshalb hat Pyrotechnik in unkontrollierter Form in einem Stadion nichts zu suchen. Weil andere Besucher gestört oder sogar verletzt werden können. Weil ein Teil der Stadionbesucher sich unter Alkoholeinfluss nicht im Griff hat und Gefahren nicht abschätzen kann. Wahrscheinlich auch, weil viele sich überhaupt nicht für Gefahren von Pyrotechnik interessieren. In kontrollierter Form kann Pyrotechnik stimmungsbessernd und schön anzusehen sein, ein voller Fanblock kann ein kontrolliertes Abbrennen aber nun einmal nicht garantieren.

Auf den FCS kommen nun Strafen zu, die Mannschaft hätte beinahe einen Spielabbruch und damit eine Entscheidung am grünen Tisch verkraften müssen. Wer sich selbst zuschreibt, alles für den eigenen Verein zu tun, kann das nicht gut heißen. Wer das eigene Bedürfnis nach Pyrotechnik über Vereinsinteressen stellt, nimmt diese Strafen aber billigend in Kauf und verhält sich damit vereinsschädigend. Da klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine große Lücke.

Gestern in Trier wurden Bengalos und Böller nach vorne auf die Tartenbahn geworfen, Balljungen von höchstens vierzehn Jahren brachten sich rennend in Sicherheit. Ist das ein Bild, für das deutsche Fußballfans stehen wollen? Dann möchte ich in Zukunft nicht mehr zu diesen Fußballfans gehören.

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