In den Wipfeln des Stadtwalds

Das Flutlicht blendet ihn, auf dem Rasen unter sich kämpfen zweiundzwanzig kleine Männlein um einen noch kleineren Ball aus Leder. De Buub sitzt in den Wipfeln einer der Eichen, die das neu errichtete Ludwigsparkstadion umgeben und idyllisch in der Landschaft verschmelzen lassen. Den hohen Zaun unter sich, der den Zugang zum Stadion versperrt, sieht er in der Dunkelheit kaum. Neben sich hört er ab und an, wie ein Zweig knackt. Sein bester Freund sitzt neben ihm, gebannt folgen sie der Partie auf dem Fußballfeld unter sich. Das Stadion ist bis zum Zerbersten gefüllt, Arm an Arm drängen sich die Menschen in den Blöcken. 50.000 Menschen an einem Ort versammelt, unvorstellbar eigentlich.

Um seinen Hals baumelt ein blau-schwarzer Schal, von seiner Mutter in tagelanger Arbeit gestrickt. Was hat er darum betteln müssen. Doch schließlich gab sein Vater den Ausschlag. Die Molschder zu unterstützen sei schließlich nichts schlechtes. Gerade jetzt, wo sie doch so erfolgreich sind. Dominant in Frankreichs 2. Division, weshalb schon bald kein Interesse mehr an der Teilnahme des FCS am französischen Fußball besteht.

Heute spielt der 1. FC Saarbrücken höchstens indirekt. Unter den Blicken des Buubs läuft ein Spiel der saarländischen Nationalmannschaft, ausgerechnet gegen den großen und scheinbar übermächtigen Nachbarn von der Ostgrenze: Deutschland. Ein komisches Gefühl für viele Stadiongänger. Spielen wir da nicht eigentlich gegen uns selbst? Aber psst! Besser nicht zu laut sagen, wer weiß, wer mithört. Die Franzosen sind überall.

Wir schreiben den 28. März 1954. Auf dem Rasen schenken sich die Spieler nichts. Doch aller saarländischer Aufwand wird nicht belohnt. Schon bald erzielt die deutsche Nationalmannschaft den Führungstreffer in einem ausgeglichenen Spiel, kann später das 2:0 nachlegen. Die saarländische Nationalmannschaft, das ist der FCS verstärkt durch einige Einzelkönner. Martin, Philippi, Biewer, Binkert. De Buub kennt ihre Namen. Gerne hätte er sie aus dem Fanblock heraus unterstützt. Doch 210 Franken für eine Karte? Zu viel für einen Buub wie ihn. Gegen Ende kommt sogar noch einmal Spannung auf im Park, als Martin den Anschluss erzielt.

Es ist erst sein zweites Spiel hier im Ludwigspark, oder besser über den Dächern des Ludwigsparks. Doch er hat sich verliebt. In dieses große, moderne und unglaublich anziehende Stadion. Bald wird er wiederkommen. Und dann, das hat er sich fest vorgenommen, kauft er sich auch ein Ticket. Ein Teil der Masse sein, die Mannschaft zu Sieg schreien. Ja, das ist, was er will. Ein wohliges Gefühl breitet sich in seinem Inneren aus. Auch, wenn Deutschland das Spiel am Ende gewinnt. Irgendwie freut ihn das nämlich auch. Aber nur heimlich, ihr wisst ja, die Franzosen.

Meine Quelle der Inspiration und Information: Marcus Imbsweiler mit seinem Roman „55“, erschienen im Conte Verlag. Sehr lesenswert!

Was denkst Du? Lass es uns wissen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.