Gespalten

Beim 1. FC Saarbrücken tun sich in der Fanszene tiefe Gräben auf. Zwischen den Ultras, allgemein als Virage Est bezeichnet, und dem unvereinten Rest schwelt schon seit langer Zeit ein Konflikt, der nicht beigelegt wird. Stattdessen frisst sich der Frust auf beiden Seiten tiefer ins Gewissen ein, Schaden nimmt vor allem der 1. FC Saarbrücken.

Beim FCS ist man stolz auf die eigene Tradition. Eine große und erfolgreiche Vergangenheit liegt hinter den Blau-Schwarzen, auch deshalb kann der Verein bislang trotz Viertklassigkeit hohe Zuschauerzahlen verzeichnen. Das ändert sich derzeit immer mehr ins Negative, doch die Vergangenheit zeigt: Kommt der Erfolg, kommen auch die Zuschauer. Der FCS polarisiert weiterhin wie kein zweiter Fußballclub im Saarland die Massen.

Die hohen Zuschauerzahlen könnten zu außergewöhnlicher Stimmung im Fanblock führen. Auf Auswärtsfahrten ist das auch meist der Fall. Dann differenzieren sich die Anwesenden nicht so sehr in Ultras und „den Rest „, die Unterstützung der Mannschaft steht im Fokus. Im Block ist trotzdem deutlich zu erkennen, wo sich die Jungs der Virage Est zusammengefunden haben.

Das Hauptproblem ist eine negative Grundstimmung rund um den Verein. Unterschiedliche Philosophien treffen aufeinander, unterschiedliche Ansprüche. Immer im Schlepptau: Gegenseitige Vorwürfe. Die Virage Est hat im laufenden Jahrtausend den D-Block des Ludwigsparkstadions als traditionellen Fanblock abgelöst, von ihnen kommt nun während des Spiels die meiste Unterstützung. Dabei ist der Anspruch, die Mannschaft mit Gesängen über 90 Minuten hinweg zu supporten. Mit der Positionierung im E-Block hat man von Anfang an auf das Ziel hingearbeitet, den D-Block abzulösen. Ziel war es mehr oder weniger, ein Stimmungsmonopol im E-Block zu bilden. Das hat funktioniert.

Vielen ist das ein Dorn im Auge. Weniger als früher würde nun situationsbezogen angefeuert. Doch ganz stichhaltig ist dieses Argument nicht. In der Virage Est wird zwar 90 Minuten lang angefeuert, in Drangphasen stimmt aber ohnehin ein Großteil aller anwesenden Fans ein und die situationsbezogene Stimmung entsteht eben doch. Negative Stimmung hingegen kommt in der Virage Est seltener auf als in den Vorjahren.

Ein weiterer Kritikpunkt an der Virage Est ist deren Verquickung von Sportlichem und Politischem. Seit mehr als einem Jahr nun streiken die Ultras zu Beginn jedes Spiels, um das Präsidium des FCS zu kritisieren. Leidtragender ist vor allem die Mannschaft, die das mehrfach kritisiert hat und mittlerweile ein eher distanziertes Verhältnis zu den Fans pflegt. Auch kommt kaum mal ein Spiel vor, in dem die Ultras nicht mit Spruchbändern Kritik an diesem oder jenem üben und damit das laufende Spiel ein Stück weit außer Acht lassen.

Die übrigen Fans machen es sich mit ihrer Kritik allerdings zu einfach. Zwar haben die Ultras darauf gedrängt, das Stimmungsmonopol an sich zu reißen, hatten bei diesem Vorgang aber auch tatkräftige Unterstützung durch alle Übrigen. Da waren junge Menschen, die auf einmal das Anfeuern übernahmen. Man selbst konnte weiterhin seine gewohnten Schlachtrufe von sich geben, wenn Drangperioden im Spiel entstanden oder die Mannschaft nach vorne gepeitscht werden musste, die restliche Verantwortung übernahmen „die Neuen“.

Von Beginn an jedenfalls beäugte man sich gegenseitig kritisch. Und so kam es, dass die Ultras ihr Ding machten und alle anderen skeptisch zuschauten. Pyrotechnik gefällt den meisten, wenn sie gut und sicher gezündet wird. Ein ideales Beispiel ist die großartige Pyroshow vor dem Pokalspiel gegen Dortmund. Kritisch muss man mit Pyro aber trotzdem umgehen, weil sie in der überwältigenden Anzahl der Fälle eben nicht gut und sicher gezündet wird. Immer wieder sind Böller und Rauchbomben dabei, immer wieder werden diese auf Balljungen und Ordner geworfen. Auch die Ultras sind eben keine absolut fehlerfrei laufende Maschine, sondern eine Ansammlung verschiedener Fans, die nicht immer aufeinander abgestimmt handeln.

Damit kommt ein weiterer Kritikpunkt ins Spiel. Die Virage Est macht nicht nur relativ eigensinnig ihr Ding, sie übt dabei mitunter auch enormen Druck auf eigene Mitglieder aus. Vor drei Jahren trat der FCS in Darmstadt an, vor dem Spiel führte die Polizei Nacktkontrollen vor dem Gästeblock durch. Die Ultras boykottierten geschlossen den Stadionbesuch, weil ihr Capo zu einer solchen Nacktkontrolle genötigt werden sollte. Mitglieder der Virage Est, die aber das Spiel sehen wollten und deshalb im Stadion blieben, wurden von den eigenen Kumpanen rüde zum Verlassen des Blocks aufgefordert und mit Konsequenzen bedroht. Ist das noch Solidarität?

Überhaupt das Wort Solidarität. Im vor kurzem ausgetragenen Heimspiel gegen Mannheim herrschte über 90 Minuten Schweigen unter den Heimfans. Die einen wollten nicht, aus Gründen der Solidarität, die anderen konnten ganz offensichtlich nicht mehr. In der Folge hagelte es Schuldzuweisungen. Die Ultras verbrüderten sich mit den Ausgesperrten, der Rest der Stadionbesucher ist mittlerweile von der Stimmung der Ultras abhängig. Die Gegenwart ist das, was eigentlich nie jemand wollte: Zwar haben die Ultras das Stimmungsmonopol, sind jedoch die einzigen im Stadion, die tatsächlich noch unterstützen. Alle anderen hat der als monoton kritisierte Dauergesang „der Neuen“ abgeschreckt. Und „der große Rest“ muss sich eingestehen, dass er trotz jahrelangem Daseins als Fan das Unterstützen der eigenen Mannschaft aus Bequemlichkeit jenen überlassen hat, die eigentlich von Anfang an kritisch beäugt wurden.

Wie so oft ist Besserung nicht in Sicht. Die Virage Est wird den vereinspolitischen Protest weiter durchhalten, die Spaltung zwischen den Fans wird wachsen. So lange vielleicht, bis sich „der Rest“ endlich wieder dazu motivieren kann, selbst die eigene Mannschaft geschlossen zu unterstützen. Jahrelang wurde Saarbrücken für seine zwei Fanblöcke kritisiert, doch zwei sind allemal besser als einer, der aber nur unregelmäßig und ohne den Rückhalt der eigenen Fanszene unterstützt.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Carsten sagt:

    Der Virage Est darf vieles vorgeworfen werden, aber nicht die zu große Bequemlichkeit der anderen Stadiongänger.

    1. Lukas sagt:

      Ich werfe ihr das doch gar nicht vor. Ich habe lediglich festgestellt, dass die Bequemlichkeit der Masse einer der Gründe für die derzeitige Abhängigkeit der Stimmung im Stadion von der VE ist.

  2. Spirit sagt:

    Klasse Beitrag, Lukas. Sehr präzise wurde die Situation beschrieben. Es deckt sich auch mit meinen Erfahrungen. Ich war lange in der Kurve vorne dabei und habe sie verlassen als mit dieser leidvollen Vereinspolitik begonnen wurde. Mir und vielen anderen geht’s um Support. Den Sprechern der Kurve, wie z.B. Nussi, geht’s auch um eigene und wie ich meine persönliche Interessen. Diese will ich auch gar nicht klein reden, so wurde Nussi nachweislich zu unrecht bestraft. Doch gehört dieser Protest ins Spiel? Wenn die Mannschaft uns braucht? Nein. Das kann auch ausserhalb organisiert werden. Und das ist auch aktuell genau der Streitpunkt innerhalb der VE, denn es gibt genug denen der Boykott nicht passt, die sich aus Solidarität trotzdem dem Druck der Entscheider beugen, so zumindest ist mein Bild wenn ich mich mit den Ultras unterhalte. Aktuell ist durch das gemeinsame Feindbild Sasic wieder mehr Zusammenhalt, jedoch ist es für mich nur eine Frage der Zeit bis die Ultras sich zersplittern, sollten sie weiter so massiv den Support verweigern.

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