EM 2016: Der Fall Reus

Nicht mal mehr zwei Wochen sind es, dann wird im Pariser Stadtteil Saint Denis die Europameisterschaft der Herren im Fußball 2016 angepfiffen. Im Eröffnungsspiel treffen Gastgeber Frankreich und Rumänien aufeinander, Deutschland ist erstmals am 12. Juni gegen die Ukraine gefordert. Der amtierende Weltmeister geht mit hohen Zielen ins Turnier, viele Beobachter sind skeptisch. Die Formkrise seit dem Titelgewinn 2014 ist bedenklich, selbst vor dem Hintergrund, dass sich Deutschland während Turnieren in der Regel anders präsentiert als zwischen Turnieren.

Neben der Ergebniskrise hakt es auf verschiedenen Positionen in der Mannschaft. Vor allem das Defensivverhalten ist alles andere als optimal. Trotz der aktuell vielleicht besten Innenverteidigung der Welt bestehend aus Jérôme Boateng und Mats Hummels fängt sich die Mannschaft immer wieder einfache und vermeidbare Gegentore. Großes Prunkstück des Teams ist vor allem das offensive Mittelfeld. Doch das wirkt angeschlagen.

Vor wenigen Stunden gab Trainer Joachim Löw seinen endgültigen WM-Kader bekannt. Mit dabei: Fünf Spieler für das defensive Mittelfeld, dafür aber nur drei waschechte Flügelstürmer: Thomas Müller, André Schürrle und Leroy Sané. Außerdem auf dem Flügel einsetzbar: Julian Draxler und Lukas Podolski. Dazu kommen die beiden Spielmacher Mario Götze und Mesut Özil, die in ihren Vereinen des Öfteren über die Außenbahn kommen. Beide werden auf dem Flügel ihren größten Stärken beraubt.

Somit ergibt sich ein äußerst fragiles Gesamtgebilde. Mario Gomez im Sturmzentrum scheint gesetzt, rechts und links von ihm könnten Müller und Draxler spielen. Lukas Podolski scheint keine echte Alternative für die linke Außenbahn mehr zu sein. Fällt Gomez aus, könnte er stattdessen durch die Mitte kommen. Fallen Müller oder Draxler aus, bleiben nur noch der seit längerem sehr schwankend aufspielende Schürrle oder der international völlig unerfahrene Sané als Alternativen. Sowohl Götze als auch Özil bringen nicht das nötige Tempo mit, um eine Waffe auf der Außenbahn zu sein.

Es eröffnen sich einem also durchaus eine Menge Kritikpunkte, wenn man die Entscheidung Löws betrachtet, Brandt, Bellarabi und Reus nach Hause zu schicken. Marco Reus‘ Verletzung mag ein Grund sein, dann dürften aber auch Schweinsteiger und Hummels nicht mit zur EM fahren. Zumindest Schweinsteiger dürfte körperlich keine Verstärkung mehr darstellen, er ist vor allem mental gefragt.

Gleichzeitig lässt sich über das angepeilte Spielsystem Löws spekulieren. Immer wieder versuchte er in den vergangenen Jahren sein Team an einer Dreierkette. Will der Trainer Joshua Kimmich in die Verteidigung ziehen und die Flügel dann mit Außenverteidigern besetzen? Seinen zentrumsorientierten Offensivkräften käme das zugute. Jonas Hector könnte auf der linken Seite spielen. Allerdings fehlt der rechte Gegenpart, weil auch Sebastian Rudy aus dem Kader gestrichen wurde. Die Alternativen heißen Emre Can und Benedikt Höwedes, beide nicht mit allzu großer Schnelligkeit gesegnet. Eine Idealbesetzung sähe definitiv anders aus.

Es ist wie vor jedem Turnier: Löws Entscheidungen rufen Kritik und Unverständnis hervor. Zumindest 2014 konnte der Trainer alle Kritiker eines Besseren belehren. Und nun? Die Vorzeichen sind noch etwas düsterer. Verletzungspech und schwache Leistungen vermischen sich zu unguten Vorahnungen. Sollte Löw nun noch einmal alle überraschen, könnte er sich unsterblich machen. Andernfalls ist das Ende seiner DFB-Zeit nahe. Dann nämlich, wenn er beim anstehenden Turnier vor dem Halbfinale scheitert. Der Druck ist groß.

Foto: Steindy (Wikipedia)

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