Die Mär vom Fortschritt

In den vergangenen Tagen wurden die neuen Medienverträge der Bundesliga ausgehandelt, am gestrigen Donnerstag folgte die exklusive öffentliche Verlautbarung. Weit über eine Milliarde Euro erhält die Liga dafür, dass ihre Spiele im Fernsehen in den verschiedensten Formen gezeigt werden. Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, zeigte sich erfreut über die Summe, anders könne der deutsche Fußball im internationalen Vergleich nicht konkurrenzfähig bleiben.

In Zukunft wird also auch auf den deutschen Markt noch mehr Geld geschwemmt. Das Milliardengeschäft Fußball boomt weiter, die volkswirtschaftliche Bedeutung nimmt zu. Auch Eintrittspreise werden immer teurer, der Besuch von VIP-Areas in den multifunktionalen modernen Arenen ist ein angesagter Trend. Eine Karte kostet dann nicht mehr 50, sondern 200 Euro. Der Verein hat von einem solchen Besucher also ungleich mehr als vom stehenden Dauerkartenbesitzer. Folglich baut er das VIP-Segment aus, macht es familienfreundlich, sorgt für das nötige Feeling und den vorhandenen Glanz bei den Auftritten seiner Mannschaft. Dabei bleiben viele Fußballfans mehr und mehr auf der Strecke. Das Spiel rund um das Spiel ist längst kein Spiel mehr, es ist kalkulatorisch, berechnend und skrupellos.

An dieser Stelle gilt es, kurz innezuhalten. Es ist eine ständig und oft geführte Diskussion, was Tradition im Fußball noch wert ist. Dabei haben sich zwei Fronten gebildet: Die Ewiggestrigen, die den Geist der Zeit nicht erkennen. Und die Rationalen, die den Fußball nie wirklich geliebt haben. Wie so oft geht es aber nicht um eine Frage der Extrempositionen, sondern um einen Kompromiss. Natürlich musste der Fußball sich in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickeln, er musste professionelle Strukturen entwickeln. Die Nachfrage war da, die Stadien füllten sich, die Beteiligten wollten ihr Stück vom Kuchen abhaben. So weit so gut, Kommerzialisierung muss nicht per se schlecht sein. Sie bringt immer auch eine Professionalisierung mit sich.

Der Fußball allerdings ist längst über-professionell. Er hat Strukturen erreicht, die für einen solch simplen Sport lächerlich erscheinen. Und er kennt keine Grenzen, strebt nach immer mehr Reichtum, Macht, Exklusivität und Einfluss. Damit wird er immer weniger erreichbar für diejenigen, die den Sport groß gemacht haben.

Fußball ist seit jeher ein Sport der Fans. Fans machen den Sport aus, sie sind seine Seele. Sie stehen im Stadion, um ihre Mannschaft anzufeuern. Sie identifizieren sich vollkommen mit ihren Vereinen und machen sie so zu etwas Besonderem. Ob es nun Darmstadt 98 ist, der FC Schalke 04, Eintracht Frankfurt, Rot-Weiss Essen oder Alemannia Aachen: Sie alle haben Alleinstellungsmerkmale, sie alle haben eine lange Historie und damit eine Daseinsberechtigung in einer Welt, die einzig und allein durch Emotionen entstanden ist.

Doch wie das nun einmal ist, macht Erfolg begehrlich. Erfolg will in Wirtschaftskraft umgemünzt werden. Das ist nicht verwerflich, sondern logisch. Doch genauso wie die Traditionsliebe muss auch die Kommerzialisierung Grenzen kennen, um das Produkt nicht zu zerstören.

Eine andere Grenze rückt nämlich immer näher. Wenn Fans sich den Stadionbesuch nicht mehr leisten können, wenn die Nationalmannschaft nur noch gegen horrende Ticketpreise zu sehen ist, Spieler für hundert Millionen Sommer für Sommer den Verein wechseln und Spielerberater das Geschehen bestimmen, dann geht der Spaß am Sport verloren. Der gemeine Fan wird ausgegrenzt, er kann sich vermutlich in vielen Fällen noch nicht einmal die Fernsehübertragung im Pay-TV leisten. Die Menschen, die Fußball durch ihre Leidenschaft zu dem Ereignis gemacht haben, das er heute ist, werden am unteren Ende der Leistungskette abgeschnitten und durch VIP-Gäste, Erlebnissuchende und Geschäftsleute ersetzt.

Eine gefährliche Entwicklung wird dabei von den Aushandlern teurer TV-Deals nicht beachtet. Ohne seine Fans in der Kurve, die diesem Sport so viel Zeit und Energie ihres Lebens widmen, fehlt auch die große Faszination Stadion. Ein gefülltes Stadion nur mit VIP-Fans übt keinen großen Reiz mehr aus, auch nicht für das Publikum vor dem Bildschirm. Und dann wird man sich fragen: An welcher Stelle haben wir eigentlich den Kontakt zur Realität endgültig verloren?

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hermann Preßler sagt:

    Lieber Lukas,

    Deinen Kommentar lesend, sind mir zwei Fragen gekommen:

    1. sind es nicht (zumindest auch) die von Dir bedauerten Fans der Kurve, die erwarten und verlangen, dass ihr Club immer besser wird (das heißt, zumindest ins europäische Geschäft (!) vordringt) ? Welche Wirkung übt ihr Verlangen auf die Rummeniges dieser Welt aus? Keinen? Sind sie nur (noch) Mittel zum Zweck? ( Wie schreibt sich eigentlich K-H Rumenigge?)

    2. ein bisschen habe ich den Eindruck bekommen, der von dir apostrophierte Fan der Kurve sei der tendenziell (ökonomisch) arme Wicht, der gesellschaftliche Underdog, der über kurz oder lang auf der Strecke bleiben, also vor für ihn unüberwindbaren Stadiontoren, „außen vor“ eben, bleiben muss… Kennst du eigentlich eine Soziologie der Fans der Kurve? Mir scheint, sie seien – gerade auch ökonomisch nicht – über einen Kamm zu scheren…

    Dir weiterhin viel Erfolg beim Kommentieren, mir gefällt deine reflektierte Art, dir eine Meinung zu bilden bzw. zu verbreiten, Herzlichen Gruß, Nachbar Hermann

    Von meinem iPad gesendet

    >

  2. Lukas sagt:

    Sicherlich spielt der Erfolg immer eine wichtige Rolle, Misserfolg führt zu Unmut. Trotzdem sehnt sich der Großteil der Fans insgeheim nach regional verankerten Teams, nach Spielern, denen ihr Verein noch etwas bedeutet. Auf Topniveau ist das natürlich ein romantischer Wunschgedanke, der selten realisierbar ist. Das aber nur am Rande.

    Fußball ist ein Milliardengeschäft, das immer mehr und mehr Geld zirkulieren lässt, aber an kaum einer Stelle nennenswerte wirtschaftliche Gewinne erzielt. Der FC Bayern ist da ein gutes Beispiel. Noch mehr Geld aus TV-Verträgen bedeutet also vor allem die Zirkulation noch größerer Massen an Geld. Das ist an und für sich nicht schlimm, weil es den Zuschauer nicht betrifft. Und der Zuschauer ist nun einmal der Grund für das ganze Spektakel. Wenn nun aber der Drang nach Geld und dem damit erhofften internationalen Erfolg so groß wird, dass Ticketpreise steigen und steigen und Stehplätze (die günstigste Ticketkategorie) abgeschafft werden, drängt das viele Menschen aus dem Stadion hinaus. Und zwar beileibe nicht nur Geringverdiener, was du sehen wirst, wenn du dir die Ticketpreise für ein Bundesligaspiel mal anschaust. Es ist also gar nicht so sehr eine Frage der Kurven-Soziologie. Noch ist die Grenze nicht erreicht, die Stadien sind voll und damit die Faszination Stadionbesuch garantiert. Wenn die Entwicklung aber weitergeht, wird sich ein immer größerer Teil der Stadiongänger seine Dauerkarte eben nicht mehr leisten können. Und aufgrund der horrenden TV-Gelder ist auch ein Sky-Abo für 30€ im Monat nicht mal eben drin.
    Das Ausland, die internationale Konkurrenz also, liefert da gute Beispiele. In England, extremer noch in Italien, sind aufgrund der Ticketpreise die Stadien außerhalb von Topspielen wie ausgestorben. England hat im übrigen in Europa die mit Abstand höchsten Einnahmen aus TV-Verträgen, was bisher aber nicht zu herausragendem internationalem Erfolg geführt hat.

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