Zwischen Terror,Kommerz und Lebensfreude

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Es ist Samstagnachmittag, der 18. Juni des Jahres 2016. Die Straßen der Pariser Vorstadt Bois de Boulogne sind hier und da mit rot gekleideten Fußballfans gefüllt, großer Andrang herrscht noch nicht. Statt sommerlichen Sonenscheins ist der Himmel bewölkt, einzelne Tropfen fallen immer wieder herab. Heute spielt im Pariser Prinzenpark Portugal sein zweites Gruppenspiel der Vorrunde gegen Österreich, beide Teams sind unter Druck und müssen gewinnen, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Es ist Europameisterschaft.

Das gesamte Turnier wurde im Vorfeld überschattet von islamistischem Terror. Der sogenannte IS hat den europäischen Fußball zum vorrangigen Ziel brutaler Attentate erklärt, die Unsicherheit ist greifbar in nahezu allen europäischen Großstädten. In den Tagen vor dem 18. Juni dann Schreckensmeldung um Schreckensmeldung. In London bringt ein Mann die junge und engagierte Abgeordnete Jo Cox um. In Paris stirbt die gesamte Familie eines Polizisten durch einen radikalen Einzeltäter. Der kündigt dann auch noch weitere Blutbäder an, verkündet, die EM werde zu einem Massenfriedhof.

Es sind keine Vorzeichen für ein friedliches Fußballfest, die im Vorfeld und der Anfangszeit des Turniers durch die Medien gehen. Zwar haben Terroristen bislang keinen Weg in Stadien gefunden, dafür ist die Hooligan-Kultur neu aufgeflammt. Engländer, Russen und Deutsche kloppen sich auf offener Straße, nehmen dabei keine Rücksicht auf Unbeteiligte. Der russische Sportminister gratuliert seinen Landsmännern in der Folge noch. Manchmal hilft nur noch, sich ratlos an den Kopf zu fassen. Was ist in der Welt nur los? Auch die Medien springen fleißig auf den allgemeinen Zug auf. „EM des Terrors“ ist zu lesen, und zwar überall. Dabei hat das Turnier noch gar nicht richtig begonnen, noch kein KO-Spiel ist absolviert.

Trotzdem finden die Fußballspiele statt, wie klein und unbedeutend sie im Gesamtkontext auch sein mögen. Die Stadien sind voll von fröhlichen Menschen. Ein gutes Zeichen. Die Mehrheit lässt sich von radikalen und unwillkommenen Minderheiten nicht den Spaß nehmen. Das zeigen auch die Straßen von Bois de Boulogne an diesem Nachmittag im Juni. Rund um den Prinzenpark sind knapp vier Stunden vor dem Spiel rote Farben, wohin man auch blickt. Die rot-weißen Trikots der Österreicher sind den rot-grünen Shirts der Portugiesen leicht überlegen, die Ösis sind im Fußballfieber. Alles ist friedlich, nirgendwo liegen Randale in der Luft. „Wer nicht hüpft der ist ein Piefke, hey hey!“ ist da noch das Aggressivste, was mir entgegen schallt.

Was sich auf den Straßen andeutet, wird im Stadion Wirklichkeit: Der ausverkaufte Prinzenpark feiert ein ausgelassenes Fußballfest. Die Österreicher dominieren die Stimmung, die Portugiesen das Spiel. Cristiano Ronaldo wird zur tragischen Figur, was die Österreicher durchaus hämisch feiern. „Messi! Messi!“, hallt es durch die Fankurve. Am Ende steht ein 0:0, Torchancen waren vor allem auf portugiesischer Seite aber eigentlich reichlich vorhanden. Das Spiel jedenfalls war ansehnlicher, als es letzten Endes klingt.

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Österreichs Fankurve feiert seine abgekämpften Fußballer.

Der Samstag endet, wie er begonnen hat. Auf dem großen Boulevard Bois de Boulognes verlaufen sich die Fußballfans nach dem Spiel, sie gönnen sich noch einmal einen Ausflug in französische Kultur und essen etwas oder trinken ein ordentliches Bier zum Abschluss. Im Stadion erhält man lediglich 0,5-prozentiges Light-Bier. Die Angst vor Ausschreitungen ist eben doch irgendwie greifbar. Sie geht aber unter in der Aufregung und Freude rund um das Spiel.

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Menschen verlassen das Stadion, von Verunsicherung keine Spur.

Kritik an der Europameisterschaft gab es reichlich. Zu viel Kommerz, zu viele Spiele, der Fußball verkauft seine Seele. Doch ein solch großes Turnier ist eben einfach etwas Besonderes. Wenn Nationen aufeinander treffen und einen friedlichen und fröhlichen Wettstreit abliefern, ist das wunderbar. Auch für den neutralen Zuschauer. Das ungute Gefühl gerät da ganz schnell in den Hintergrund. Und ist es nicht das, was uns im Vergleich zu den Feinden unserer Gesellschaft so ausmacht? Im Endeffekt sind wir und unsere Werte stärker als die Angst, die verbreitet wird. Vielleicht gibt es nach dieser Europameisterschaft nicht nur einen Sieger.

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Die Eröffnungsshow der UEFA.

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