Gewalt im Fußball: Das Anspruchsdenken

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Im Fußball spielt Gewalt immer eine gewisse Rolle. Derzeit läuft die Europameisterschaft in Frankreich, und auch dort gab es lange Zeit vor allem ein Thema: Gewalt. Hooligans prügelten sich auf offener Straße, ein terroristischer Anschlag spukt dauerhaft in den Köpfen vieler Europäer herum. Doch das sind nur die offensichtlichsten Formen von Gewalt im Fußball. Denn Gewalt fängt schon im Kleinen an. Beispielsweise, wenn Fußballer von gegnerischen Fans rassistisch beleidigt werden, wenn sie aufgrund ihrer Hautfarbe oder Kultur verbal oder physisch angegangen werden. Ein Beschleunigungsfaktor solcherlei Gewalt sind soziale Netzwerke, in denen die Hemmschwelle sinkt und plötzlich jeder Einzelne eine große Stimme haben kann. Nicht nur im politischen Diskurs ist das zu beobachten.

Eine besondere Brisanz erhalten solcherlei Vorgänge dann, wenn Fußballer sogar von den Fans des eigenen Vereins beleidigt werden. Vor einigen Wochen war Mats Hummels wüsten Beschimpfungen ausgesetzt, als bekannt wurde, dass der Dortmunder Kapitän in der kommenden Saison beim FC Bayern München spielen wird. Und auch beim 1. FC Saarbrücken war in den vergangenen Monaten zu beobachten, wie schnell einstige Helden zu den großen Deppen werden können. Im Vorjahr den Aufstieg nur um Zentimeter verpasst, wurde die abgelaufene Saison zur großen Enttäuschung und aus Beinahe-Aufsteigern wurden geldgeile Söldner ohne Herz und Leidenschaft für ihren Beruf.

Man stelle sich nun vor, bei der Premiere eines mäßig guten Hollywood-Films würden die Zuschauer nach dem Abspann aufstehen, um dem anwesenden Regisseur und seinen Schauspielern entgegen zu brüllen, sie haben die Nase voll von solcher Arbeitsverweigerung. Sie würden regelmäßig ins Kino pilgern, um Filme zu sehen, und bekämen so eine Leistung präsentiert. Ohne sie gäbe es das Kino gar nicht. Vermutlich würde jemand, der so reagiert, bei der Polizei und in einer Ausnüchterungszelle landen.

Im Prinzip ist es dasselbe Schauspiel, wie es in Saarbrücken zuletzt zu beobachten war. Fußballer, die eine nicht überzeugende Leistung abliefern, werden von Zuschauern bepöbelt. Dabei ist die Gürtellinie keine beachtenswerte Grenze. Das mag zwar mit der grundsätzlichen Kultur des Fußballs zu tun haben, ist damit aber nicht zu entschuldigen. Niemand muss einem Spieler applaudieren, wenn er gerade eine Niederlage verschuldet hat. Beleidigungen und Drohungen gehen aber eindeutig zu weit.

 

Begründet wird die Wut mancher Stadionbesucher in der Regel mit einem gewissen Anspruchsdenken. Der Zusammenhang, die Mannschaft müsse Leistung abliefern, weil man selbst Eintritt dafür bezahlt hat, ist aber genauso hirnrissig, wie er schon auf den ersten Moment erscheint. Auch der Einwurf, zumindest der nötige Einsatz müsse auf dem Feld gezeigt werden, ist nicht haltbar. Das hängt schon damit zusammen, dass Einsatz für den Verein und innerhalb der Mannschaft gar nicht unbedingt auf dem Platz zu erkennen ist.

Ein Beispiel: Ein Spieler zeigt sich im Mannschaftskreis arrogant, verweigert den Kontakt und sorgt so für das Zerbrechen des Mannschaftsgefüges. Auf dem Platz läuft er dann den gegnerischen Torwart konsequent an, obwohl vom Trainer verordnet wurde, den Gegner erst in der eigenen Hälfte zu attackieren. Auf viele Zuschauer scheint es so, als sei er der Einzige, der sich für den Verein aufopfert und an einem Sieg interessiert ist. Die anderen, die sich an taktische Vorgaben halten und damit versuchen, erfolgreich zu sein, werden aber eigentlich vor allem von dem einen „Kämpfer“ boykottiert, der den Erfolg der Mannschaft zusätzlich gefährdet.

Im Fußball spielen Taktik, Spielverständnis und vor allem auch Selbstbewusstsein der Spieler heutzutage eine entscheidende Rolle. Wer geistig voll im Geschehen ist und sich zutraut, ein Spiel erfolgreich zu gestalten, ist in aller Regel erfolgreicher als, der, der zwar unendlich viele Kilometer abspult, dabei aber nicht im Sinne der Mannschaft handelt.

Gerade in der Frage des Selbstvertrauens liegt ein entscheidender Faktor für erfolgreichen Fußball. Werden Spieler nun von den Fans beleidigt oder bedroht, sinkt das Selbstvertrauen weiter. Ein Teufelskreis entsteht, der Erfolg quasi unmöglich macht. Beim FCS hat man das in der vergangenen Saison eindrucksvoll gesehen. Wer ernsthaft behauptet, ausnahmslos alle Spieler des Kaders seien charakterlose Söldner gewesen, hat den modernen Fußball nicht verstanden.

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