Pokal-Ekstase

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Ganz schön voll hier. Körper, wohin man schaut. Manche dick, manche dünn, fast alle in blau und schwarz gewandet. Die Hände auf seiner Schulter sind die seines Vaters. De Buub steht in der Schlange der Einlasskontrollen vor dem Ludwigsparkstadion. Schier unendlich viele Menschen strömen durch die Tore, sind vor, neben, hinter ihm. Jeder will ins Stadion, will dabei sein. Es ist sein erstes Mal.

Der 1. FC Saarbrücken spielt an diesem Mittwoch sein Achtelfinale im DFB-Pokal gegen den VFB Stuttgart. Es ist ein Jahr, in dem außerhalb des Fußballs viel passiert. Der kalte Krieg geht auf die Zielgerade, in Brüssel enden Fankrawalle tödlich. Davon unbeeindruckt besucht de Buub an diesem ersten Mittwoch im Februar 1985 zum ersten Mal ein Fußballstadion. Er fröstelt ein bisschen, als er da so gedrängt zwischen all den Menschen steht. Sein Vater scheint trotz der körperlichen Nähe sehr weit weg. Was tun sie hier eigentlich?

Endlich ist die Sicherheitskontrolle passiert. De Buub steht unter einem mächtigen Tribünenbau. Rechts hört man die Auswärtsfans. Der VFB Stuttgart, Meister aus dem Vorjahr, hat eine Menge Anhänger zum Zweitligisten aus Saarbrücken mitgebracht. Ehrfürchtig starrt er einen Moment hinüber zur Absperrung, dann zieht sein Vater ihn weiter. Wenige Augenblicke später stapft er den Aufgang zur Tribüne hinauf – und erstarrt. Das Stadion begeistert ihn vom ersten Moment an. 30.000 haben sich heute im weiten Rund des Ludwigsparks eingefunden, die Kurve strahlt in blau-schwarz. Aus dem D-Block tönen lautstarke Gesänge und Anfeuerungen. Gänsehaut macht sich auf seinem Körper breit.

Trotz der bombastischen Stimmung startet der FCS schlecht ins Spiel. Nach 14 Minuten die folgerichtige Situation: Stuttgart geht in Führung. Bedröppelt blickt de Buub ins Gesicht seines Vaters. Der schüttelt nur den Kopf. Doch es geht weiter. Schnell ist er vom Geschehen auf dem Platz so gefesselt, dass er nichts anderes mehr wahrnimmt. Lediglich das Gemecker von dem älteren Herrn eine Reihe über ihm stört ihn ein wenig.

Und plötzlich rasten alle aus: Hönnscheidt nach einer Ecke mit dem Fallrückzieher, der FCS ist zurück im Spiel. Begeistert springt de Buub auf, sieht seinen Vater ekstatisch jubeln. Anfeuerungsschreie von überall. „Auf geht’s, Jungs!“

Dann ist erstmal Halbzeit. De Buub blickt sich um. Was für ein tolles Gefühl! Er hat sich schon jetzt in dieses Stadion, diesen Verein, diesen Sport verliebt. „Können wir hier jetzt immer hingehen?“ Sein Vater sieht in grinsend an.

Zweite Halbzeit. Saarbrücken wird immer besser. Der Park kocht. Dann die kalte Dusche: Jürgen Klinsmann bringt Stuttgart in der 79. Minute wieder in Front. Ein flaues Gefühl macht sich im Buub breit. Sollte es das jetzt etwa gewesen sein? Nach solch einem grandiosen Abend ein so tristes Ende? Nichts da! Michael Blättel packt den Traumkopfball aus, es steht 2:2. Das Stadion steht endgültig Kopf.

Weil er am nächsten Morgen in die Schule muss, sollte er eigentlich direkt nach Spielende nach Hause und ins Bett. Doch dann die Verlängerung. Kurze Zweifel im Gesicht seines Vaters. Aber die verschwinden schnell. Nein, an diesem Abend verlassen die beiden das Stadion nicht vorzeitig. Und die Nerven werden immer weiter gespannt. Es geht tatsächlich ins Elfmeterschießen. Und damit wird ein Saarbrücker Held geboren. Carsten Hallmann – ein Name, den de Buub niemals vergessen wird. Denn die Sensation wird perfekt gemacht. Stuttgart trifft bei keinem einzigen Elfmeter das Tor, Hallmann, der Torwart des FCS, wird zum gefeierten Matchwinner. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass de Buub so viele Menschen so euphorisch feiern gesehen hat. Die Liebe zum Ludwigspark war geboren.

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