Der Alkohol heißt Euphorie

Es ist genau 38 Tage her: Beim 1. FC Saarbrücken herrschte riesige Tristesse. Die Mannschaft hatte gerade in Pirmasens verloren, jegliche sportliche Perspektive schien verspielt. Hinzu kam das Bekanntwerden des Ludwigspark-Versagens der Verantwortlichen in Landes- und Stadtpolitik. Und damit noch nicht genug, auch die Saarbrücker Ultras hatten sich mal wieder zu einem aussichtslosen aber wirkungsvollen Streik aufgerafft. Damals war das Motto: Das ist alles nicht mal im Suff zu ertragen. Und heute? Scheint die Sonne im Gemüt aller FCS-Fans. Dabei sind zwei von drei Problemen unverändert. Der abgerissene Ludwigspark ist nicht wie von Geisterhand wieder zusammengewachsen, seine Zukunft ist weiter völlig ungewiss. Immer noch ist der 1. FC Saarbrücken heimatlos, die Sehnsucht nach der früheren Heimat und Kultstätte auf dem Ludwigsberg wächst mit jedem schlecht besuchten Heimspiel in Völklingen ein wenig mehr.

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Die schmerzlich vermisste Heimat Ludwigspark.

Und auch die Ultras bleiben konsequent oder stur, je nach Perspektive. Sie streiken, um sich gegen ein Stadionverbot zu wehren. Immer noch hat dieser Streik keine Aussicht auf Erfolg, sondern trifft vor allem die Mannschaft. Doch die hat sich mit der Situation arrangiert. Und sie ist deshalb der Hauptgrund für die unverhofft wieder ausgebrochene Euphorie in Saarbrücken.

Vor der Saison gab es in sportlicher Hinsicht keine klare Vorgabe der Verantwortlichen. Ziel war es erst einmal, besser abzuschneiden als im Vorjahr. Wer die Katastrophensaison 2015/2016 verfolgt hat, weiß, dass dieses Ziel relativ niedrig angesetzt war. Dann aber zeigte das Team guten Fußball. Reihenweise wurden die Gegner offensiv auseinandergespielt, defensiv niedergekämpft. Taktisch fehlte es hier und da an Präzision, sodass die Spiele in aller Regel knapper ausfielen, als das aus Beobachterperspektive hätte sein müssen. Lange konnte man eine echte Schwächephase vermeiden, vor Weihnachten war es dann so weit: Es zeigte sich, dass die Leistungsfähigkeit der sehr engagierten und hier und da auch noch etwas unerfahrenen Mannschaft doch ihre Grenzen hatte. Diese Grenzen hießen: Kräfteverschleiß, nervliche Belastung, Ausfälle von Führungsspielern. So war man schließlich froh, als es in die Winterpause ging.

Dann der Start in die Rückrunde: Ein fulminantes Spiel gegen Walldorf, die Euphorie war neu entfacht. Das auf zentralen Positionen verstärkte Team machte im neuen System einen frischen, überzeugenden Eindruck. Die Stimmung im Umfeld war blendend. Der Qualifikationsplatz für die Aufstiegsspiele schien in Reichweite.

Und dann der bekannte Absturz: Hiobsbotschaft aus der Politik, der Beginn des Ultra-Streiks und zwei sportliche Niederlagen zur Unzeit. Der FCS war nicht mal mehr im Suff zu ertragen.

Doch die Mannschaft hat in der schwierigsten Phase dieser Saison großen Charakter gezeigt. Sie gewann seither alle Ligaspiele, zog obendrein ins Finale des Saarlandpokals ein. Und sie hat sich wieder rangekämpft an die Tabellenspitze: Gewinnt sie auch die noch anstehenden sechs Ligaspiele allesamt, steht sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Tabellenplatz zwei. Dann wäre der FCS tatsächlich Teil der Aufstiegsspiele zur dritten Liga. Das war vor wenigen Wochen noch außerhalb jeglicher Vorstellungskraft.

Zuschauer-Ausschluss? Davon war gegen die Stuttgarter Kickers dank kämpferischer Mannschaft, einem Rainer Buch in Topform und gut aufgelegten 500 Saarbrückern auf den Sitzplätzen stellenweise nichts zu spüren.

Allen Widrigkeiten zum Trotz: Die Mannschaft des 1. FC Saarbrücken hat gezeigt, was in ihr steckt. Sie hat den Kopf nicht in den Sand gesteckt, sondern weiter mutigen und offensiven Fußball gespielt. Sie hat zwei Derbys dominiert, hat gegen die Stuttgarter Kickers ein schwieriges Spiel gedreht. Sie hat die 566 Fans auf der Völklinger Haupttribüne mitgerissen und für ein tolles Fußballspiel trotz Zuschauer-Teilausschluss gesorgt. Und sie hat den Weg bereitet in eine an Drama kaum zu überbietende Saison-Schlussphase: Sieben Endspiele hat der FCS in Liga und Pokal, die zu einem perfekten Ende führen könnten. Dafür muss man den Spielern größten Respekt zollen.

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Geht die FCS-Euphorie auch in Mannheim beim Spitzenreiter weiter?

Aktuell jedenfalls macht es großen Spaß, Fan des 1. FC Saarbrücken zu sein. Am Ostermontag steigt das Liga-Spitzenspiel in Mannheim, es ist mit bis zu 2500 mitreisenden Saarbrückern zu rechnen. Die Euphorie ist zurück, da braucht es gar keinen Suff.

Titelbild: Screenshot vom YouTube-Kanal FCSTV

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