Eine Frage des Charakters

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Sportlich beinahe bedeutungslos, atmosphärisch umso wichtiger: Der 1. FC Saarbrücken spielte am Samstag in Kaiserslautern, es war das erste Spiel seit dem Ende aller Saarbrücker Aufstiegsträume vor genau einer Woche mit der Niederlage gegen die SV Elversberg. Es ging nicht um die tabellarische Situation, es ging um viel mehr: Um den Beweis, dass diese Mannschaft auch in schwierigen Spielen zusammensteht und den Verein erhobenen Hauptes repräsentiert.

Es waren knapp 500 Saarbrücker, die am Samstag nach Kaiserslautern reisten. Auswärtsspiel beim Rivalen, wenn auch nur gegen dessen U23. Auftritt im Fritz-Walter-Stadion, das gespenstisch leer die sportliche Lage des FCS eindringlicher verdeutlichte, als es Tabellen zu tun vermögen. Das Spiel gegen den aus Saarbrücker Sicht gefühlt immer noch größten Rivalen im Südwesten interessiert beim FCK niemanden mehr. Über Saarbrücken kann man in Kaiserslautern trotz eigener sportlicher Misere nur müde lächeln.

Die 500 mitgereisten FCS-Fans setzten sich in Zug, Bus und Bahn, um ihr Team in einem Spiel zu unterstützen, dass auch für sie keine sportliche Bedeutung mehr hatte. Trotzdem fuhren sie nach Kaiserslautern, stellten sich in das leere Fritz-Walter-Stadion, nahmen die erniedrigende Atmosphäre auf dem Betzenberg auf sich und bezahlten Eintritt, um ihr Team bei der Aufgabe zu unterstützen, die Saison mit Kampf, Leidenschaft und dem nötigen Einsatz zu beenden. Gemessen an den Rahmenbedingungen sorgten die Fans für ordentliche Stimmung, für dauerhafte Anfeuerung und für ein Spiel, das der 1. FC Saarbrücken schlichtweg gewinnen musste. Es ging gegen die akut abstiegsgefährdete Reserve eines Abstiegskandidaten der 2. Bundesliga, gegen die schon im Hinspiel zwei Punkte leichtfertig hergeschenkt wurden. Es ging darum, zumindest die theoretische Chance auf einen der beiden Relegationsplätze mathematisch so lange wie möglich offen zu halten, um die Saison würdevoll zu Ende zu bringen.

Und dann das: Die ersatzgeschwächte FCS-Defensive präsentierte sich nach ballbesitzlastigem, aber unkreativem und chancenlosem Saarbrücker Beginn wie ein aus Amateurspielern zusammengewürfelter Hühnerhaufen, ließ jeglichen Zugriff vermissen und schenkte den Pfälzer Jungspielern zahlreiche Chancen. Zwei wurden genutzt, zur Pause stand es 2:0 für den FCK. Verdient.

Halbzeit: Trainer Dirk Lottner pfeift die Mannschaft noch auf dem Feld zusammen. Aus der Kabine kommt das Team etwas besser aufgelegt. Prompt fällt der Anschluss, Ecke des bemühten, aber fußballerisch nicht mehr wiederzuerkennenden Sven Sökler, Kopfball von Manuel Zeitz, Anschlusstreffer. Und direkt auch eine Reaktion auf den Rängen: Der Support wird hochgefahren, die Anfeuerung lauter. Doch das interessiert in der Saarbrücker Defensive niemanden. Aussetzer Dominik Rau – 3:1. Danach fällt das Team auseinander – schnelles 4:1 und riesige Tristesse auf dem Platz und im Gästeblock. Dort kochte bei dem ein oder anderen die Wut hoch – der FCS verkaufte sich auf dem Platz unter aller Sau.

Besonders ärgerlich ist das beim Blick auf die Vorwochen – immer wieder wurde betont, das Team werde bis zum letzten Spiel Charakter zeigen. Es habe nichts mehr mit dem Trümmerhaufen der Vorsaison zu tun. Und dann verkauft es sich genauso deprimierend wie die Mannschaft des vergangenen Jahres. Daran wird sich auch Trainer Dirk Lottner messen lassen müssen – drei Chancen stehen in der Liga noch an, der am Samstag gut versteckte Charakter der Mannschaft muss dann schleunigst sichtbar werden. Sonst könnte sich schon vor dem angekündigten Großangriff in der nächsten Saison ein ungemütliches Klima im Vereinsumfeld breit machen.

Zunächst einmal aber sollte dem Team die Chance auf Wiedergutmachung zugestanden werden. Ein katastrophales Spiel nach dem Genickschlag der Vorwoche gegen Elversberg ist kein Weltuntergang – höchstens eine Warnung. Die mitgereisten Fans waren zurecht sauer, aber das Spiel in Kaiserslautern ist nun Vergangenheit. Jetzt bereits ein negatives Urteil über die gesamte Mannschaft zu fällen, ist völlig verfrüht. Die Gelegenheit dazu gibt es nach dem letzten Spieltag – dann wird eine Antwort auf die Charakterfrage gegeben werden können.

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