Unversöhnliche Fronten

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Die Gesänge schallten am vergangenen Wochenende durch die gesamte Bundesrepublik: „Scheiß DFB“, „Fußballmafia DFB“. Unabhängig von den Vereinsfarben solidarisierten sich die aktiven Fanszenen zahlreicher Fußballvereine untereinander, um ein Zeichen gegen den DFB und die von ihm vorangetriebene Kommerzialisierung zu setzen.

Ein Rückblick: In den vergangenen Monaten wurden die Proteste gegen den DFB und vor allem gegen die anhaltende Kommerzialisierung des deutschen Fußballs immer lauter und deutlicher. Teilweise wurde zu martialischen Formulierungen gegriffen. Die Dresdener Gruppierung „Ultras Dynamo“ erklärte dem Fußballverband den Krieg. Sie zog in Camouflage-Klamotten durch Karlsruhe und schindete so bundesweit Eindruck. Der durchgängige mediale Tenor: Das geht zu weit. Diese Chaoten muss man stoppen.

Doch von chaotischen Zuständen war die Aktion in Karlsruhe weit entfernt. Niemand wurde verletzt, es handelte sich vor allem um einen symbolischen Protest. Ein Protest, der viel Kritik hervorrief. Reicht in einem von schrecklicher Kriegs-Vergangenheit gezeichneten Land wie Deutschland schon ein so unbedeutendes Thema wie Fußball dazu, Menschen in einen Zustand der Kriegsbereitschaft zu versetzen? Über diese Frage und über guten Geschmack lässt sich streiten. Was man aber festhalten muss: Der Dresdener Protest hat sein Ziel erreicht.

Denn seither ist viel passiert. Der DFB zeigte sich beunruhigt, vereinbarte ein Treffen mit den Dresdener Ultras. Die nutzten ihr Kontaktnetz, um auch andere Fanvertreter zu diesem Treffen einzuladen – ohne Absprache mit dem DFB. Der erschien in Person von Vizepräsident Rainer Koch und Hendrik Große-Lefert, dem Sicherheitsbeauftragten des Verbands. Das Gespräch zwischen den insgesamt 45 vertretenen Vereinen und dem DFB führte nicht zu einem Konsens. Stattdessen fühlten sich viele der anwesenden Fanvertreter in ihrer Meinung bestätigt: Dem DFB gehe es nicht um einen Dialog, er wolle vor allem die ungeliebten Fangruppierungen ruhig halten.

 

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Bunte und stimmungsvolle Fankurven in Deutschland, hier in Köln: Geht die Kommerzialisierungs-Entwicklung weiter, könnte das bald der Vergangenheit angehören. Credits: Dustin Liebenow (https://www.flickr.com/photos/vintage85/3569824532).

 

Während in Verbandsgesprächen und in der Berichterstattung vieler Medien immer noch die Legalisierung von Pyrotechnik als Hauptforderung der Ultra-Gruppierungen gesehen wird, geht es den Protestierenden um viel Grundsätzlicheres. Sie wehren sich gegen:

  • Zerstückelte Spieltage auf Kosten vieler Amateurvereine;
  • Sanktionierungen von Spruchbändern und damit ein Verbot freier Meinungsäußerung;
  • Die Eingliederung der chinesischen U20-Nationalmannschaft in den Spielbetrieb der Regionalliga Südwest;
  • Den Relegationsmodus hinein in die dritte Liga, der Ligameistern den Aufstieg versagt;
  • Intransparente Entscheidungen der Sportgerichte des DFB;
  • Show-Acts in der Halbzeit entscheidender Fußballspiele im Stile des Super Bowls;
  • Die Aushöhlung der 50+1-Regelung (siehe RB Leipzig);
  • Geplante Änderungen im DFB-Pokal um Auslands-Marketing-Reisen der Vereine zu ermöglichen;
  • etc.

Diese Liste ist längst nicht vollständig. Der DFB legt seit einigen Monaten und Jahren ein enormes Tempo bei dem Anliegen vor, aus dem Fußball noch mehr Geld zu pressen. Das hat natürlich Gründe: Im Ausland sind Kommerzialisierungs-Bestrebungen teilweise schon weiter fortgeschritten, sodass die dort ansässigen Vereine ein monetäres Plus gegenüber ihren deutschen Konkurrenten haben. Doch ist das alles wirklich erstrebenswert? Dass auch deutsche Vereine dreistellige Millionensummen in die Ablöse einzelner Fußballer pumpen? Dass es in Stadien der Einnahmenoptimierung folgend nur noch Sitzplätze und Logen gibt? Dass der Fußball ein Premiumprodukt vor allem für die Kunden von Pay-TV-Sendern wird? Die aktiven Fans Deutschlands haben da eine klare Meinung: Nein!

Und sie haben ein gewichtiges Argument auf ihrer Seite: Vertreibt man die Ultras aus den Stadien, verschwindet eine mittlerweile sehr bunte und vielfältige Kultur einfach im Nichts. Die Stadion-Atmosphäre würde sich schnell auf La Olas, rhythmisches Klatschen vor Eckbällen und von Soundanlagen angespielte Mallorca-Mukke, die zum Mitgrölen anregt, beschränken. Und ist dann der so umworbene Kunde vor seinem Pay-TV immer noch bereit, die monatlich aufgerufene Summe zu zahlen? Fraglich.

Um die anhaltenden Negativ-Schlagzeilen wieder zu beenden, hat der DFB nun erste Schritte unternommen: In Zukunft sollen keine Kollektiv-Strafen mehr ausgesprochen werden. Unschuldige Stadion-Besucher werden also nicht mehr dafür bestraft, dass drei Reihen unter ihnen im Stehblock ein anderer Anwesender eine Leuchtfackel angezündet hat. Reinhard Grindel, DFB-Präsident, hat persönlich den Verein Hansa Rostock nach Krawallen beim Pokalspiel gegen Hertha BSC Berlin begnadigt, um die Ernsthaftigkeit des Entgegenkommens zu unterstreichen.

Und zeitgleich erreicht den 1. FC Saarbrücken folgende Meldung: Nach dem Zünden von Pyrotechnik in Ulm wird den FCS-Fans neben weiteren Maßnahmen bis Ende des Jahres kollektiv das Mitbringen von Blockfahnen untersagt.

Das lässt ernste Zweifel an der Gesprächsbereitschaft des DFB. Es geht nicht um einen Konsens, es geht um das Verstummen kritischer Stimmen, die der Vermarktung des Premiumprodukts Fußball im Wege stehen könnten.  Natürlich ist es legitim, dass der DFB seinen Interessen folgt. Allerdings ist es scheinheilig, sich gleichzeitig als Schutzpatron der deutschen Amateurvereine zu präsentieren. Es ist scheinheilig, sich medial als das Opfer gewaltbereiter Ultra-Chaoten darstellen zu lassen.

Es ist außerdem unzureichend, dass in vielen Medienberichten Ultra-Gruppierungen immer noch mit Hooligans gleichgesetzt werden. Es ist absolut verwerflich, dass die so reichweitenstarke Bild-Zeitung eine regelrechte Hetz-Kampagne gegen Ultras fährt. Und es ist das gute Recht aller Fußballfans in Deutschland, weiter für die eigenen Anliegen zu demonstrieren – friedlich, aber dafür kollektiv und lautstark.

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