Kaffee in Kanada

Montag, 9.10.2017:

Die Soße zu den Nudeln ist nicht definierbar. Weder äußerlich noch geschmacklich kann irgendeiner der Fluggäste mit Sicherheit sagen, was er da vor sich hat. Aber gefuttert wird trotzdem. Neun Stunden Flug, die zehren schließlich an den Kräften. Und zumindest das Dessert kann dann wieder zweifelsfrei identifiziert werden: Apfel-Streuselkuchen, verpackt in einer sterilen Plastiktüte. Ein Flugzeug-Menü halt.

Was es in der Business-Klasse wohl gegeben hätte? Die Frage stellt sich sicherlich nicht nur mir. Eine Condor-Mitarbeiterin rannte nämlich knapp eine Stunde zuvor aufgeregt durch die Abflughalle und versuchte beinahe schon verzweifelt, drei noch freie Plätze der Premium-Kategorie loszuwerden. 100 Euro Aufpreis wollte sie. Für mich zwar ein kurzes Träumen wert, aber keine ernsthafte Alternative. Hätte sich vermutlich auch nicht gelohnt, wenn man den Berichten derjenigen glaubt, die auf das Angebot eingegangen sind.

Dienstag, 10.10.2017:

Ich drehe gleich durch. Oder ich klappe zusammen. Der Rucksack ist nämlich auf Dauer doch einigermaßen schwer. Und den Busfahrer der Linie 35 interessiert das wenig. Ich sitze hier jetzt über eine halbe Stunde drin. Google Maps hatte mir 26 Minuten Fahrzeit angezeigt. Und es war überhaupt kein Verkehr. Zusammengefasst: Nicht so gut. Natürlich bin ich an der richtigen Haltestelle zu meiner Unterkunft für die nächsten zwei Tage vorbeigefahren.

Das liegt aber nicht (nur) an mir, so viel sei zur Ehrenrettung gesagt. Weil der Bürger des amerikanischen Kontinents offensichtlich nur sehr ungern Fußwege zurücklegt, halten die Busse gefühlt alle 50 Meter. Weil die Fahrer aber auch diesen 50 Meter jedes PS aus ihrem Gefährt rausholen, ist die Dauer der Ansagen zu den jeweiligen Haltestellen knapp bemessen. Da verliert man schnell mal den Überblick. Vor allem, wenn man darauf wartet, dass die Frauenstimme blechern etwas von „Kennedy Drive“ sagt, obwohl man eigentlich am „Heathrow Drive“ raus muss.

Ich drehe also eine Runde mit dem Bus. Und, es sei zu meiner Schande gesagt: Auf dem Rückweg fahre ich erneut am Heathrow Drive vorbei, ohne es zu bemerken. Diesmal allerdings, weil mir ein angetrunkener Kanadier mit wenigen Zähnen gerade aufgeregt erzählt, dass die Schwarzen und Iraner seine Schwester zusammengeschlagen hätten (vermutlich alle gemeinsam), weshalb ich dem ganzen Volk nicht trauen dürfe. Aber ich müsse das ja kennen, als Deutscher. Mitleidiger Blick. Aber dann die Aufmunterung: Ich sei ja ein „handsome dude“. Die „good girls“ könne ich am College ein paar Straßen weiter finden. Und schon sind wir wieder vorbei am Heathow Drive. Vielleicht lass ich das alles doch besser sein.

Donnerstag, 12.10.17:

„I like your accent!“

„Thank you!“ Ich muss unwillkürlich lächeln. Hier bin ich also. Niagara Falls, Crystal Inn. Scheinbar der einzige Gast aktuell. Aber der Bungalo neben mir ist bewohnt, offensichtlich dauerhaft. Ein vom Leben gezeichnetes kanadisches Paar mit einer Tochter. Und die Tochter mag meinen deutschen Akzent. Man sieht allen drei an, dass ihnen das Leben schon viele Herausforderungen gestellt hat. Kurz ploppt das Wort „Chancengleichheit“ in meinem Kopf auf. Ich bin mir nicht sicher, ob die höchstens 14-Jährige Breece jemals eine Schule besucht hat. Ihre Eltern scheinen Alkoholiker zu sein. All die Probleme, die ich aus Deutschland kenne, sind in diesem Moment merkwürdig weit weg.

Deutschland also. Und wo genau da? Saarbrücken. „Oh, nice!“ Ich schaue in lachende Augen. Jetzt bin ich mir sicher. Außer mir hat hier noch nie jemand etwas von einer Stadt namens Saarbrücken gehört. Ich will gerade erklären: An der Grenze zu Frankreich, nicht so weit weg von Frankfurt, und so weiter und so fort. Brauche ich aber gar nicht. Mein kanadischer Nachbar war nämlich schon mal in Deutschland. In Heidelberg. Überraschung!

Fußball. Das ist doch ein großes Thema in Deutschland. Ob ich Fußball spiele. Und ob ich Fußball schaue. Plötzlich sehe ich eine Chance, den Namen der Stadt Saarbrücken, der eben zum vermutlich ersten Mal in den Ohren meiner kanadischen Wegbegleiter angeklungen ist, positiv zu besetzen. Ich erzähle vom 6:1-Sieg des FCS gegen die Bayern. Die Jahreszahl verschweige ich. Und schon blicke ich in erstaunte Gesichter. Vermutlich gehen die Drei auch noch davon aus, dass ich in selbst für diese Übermannschaft spiele.

Wir plaudern noch eine Weile, dann verabschiede ich mich. Die Niagarafälle warten. Und die Nachricht von der Fußballmacht Saarbrücken muss schließlich auch erst einmal verdaut werden.

Sonntag, 15.10.17:

Knapp eine Woche liegt nun also bereits hinter mir. Wow, das ging schnell. Ich sitze gerade in einem „Second Cup“, während ich diesen Text schreibe. Ich warte nämlich. Heute Nachmittag geht mein Zug nach Kingston, einer Hafenstadt am Lake Ontario. Bis dahin bin ich noch einmal für einige Stunden in Toronto. Second Cup, das ist eine sehr zu empfehlende Kaffeekette hier in Kanada. Besser als Starbucks. Und definitiv auch besser als Tim Hortons.

Wo wir gerade bei Kaffee sind: In Niagara Falls kann ich das „Queen Bean Cafe“ in Downtown empfehlen. Und ihr solltet Muffins probieren, möglichst viele am besten. Kürbis-Muffins mit Ahorn und Zimt, ein Träumchen. Aber genug vom ungesunden Essen. Das könnte eine eigene Reportage füllen. Stattdessen bietet sich die Gelegenheit an, die vergangenen Tage ein wenig Revue passieren zu lassen.

Ein fremder Kontinent, ungeahnte Herausforderungen, eine große Portion Unbedarftheit. Noch dazu auf mich alleine gestellt, ohne direkt greifbare Hilfe. Aber gleichzeitig erst eine tolle Stadt, dann ein unglaubliches Naturspektakel. Verschiedene Begegnungen. Ein Einblick in den Alltag von Menschen in Lebenssituationen, über die ich in meinem Leben vermutlich noch nie nachgedacht habe.

Es ist nicht alles einfach. Aber es ist spannend. Es ist ungewohnt, herausfordernd, erkenntnisreich. Und der Großteil der Reise wartet noch. Keep in touch!

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