Indian Summer? Oktoberfest in Ottawa!

Montag, 08.10.17:

„Hopefully you play basketball!“

Den Spruch kenne ich. Die Stimme nicht. Sie gehört zu einer freundlichen Rentnerin Anfang 70, die in Kingston lebt. Ich drehe mich zu ihr und ihren Freundinnen um. Vier Ladies auf dem Weg ins Abenteuer, vermute ich. Guter Laune steigen sie gerade aufgebretzelt in ein Auto, und das dauert mit zunehmendem Alter bekanntlich ein bisschen länger. Nein, ich spiele kein Basketball, erkläre ich. Bevor ich die Begründung anfügen kann, dass ich trotz meiner Größe den Korb einfach viel zu selten treffe, die nächste Nachfrage: Dann aber Volleyball? Auch nicht. Bevor wir jetzt alle Sportarten der Welt durchgehen, kläre ich die freundlichen Kingstonians, wie sich die Einheimer der Stadt Kingston direkt am Lake Ontario selbst nennen, lieber auf: Soccer it is. Germany, you know. Everybody plays it.

Der Kanadier ist grundsätzlich ein sehr freundlicher Zeitgenosse. Er hilft immer gern, geht auf Probleme ein und ist auch dann geduldig, wenn man sich als völlig ahnungs- und oft auch ein wenig orientierungslos erweist. Das macht ihn zu einem sehr sympathischen Gegenüber. Und, so ist zumindest mein Gefühl: Er unterscheidet sich nochmal vom US-Amerikaner, dem ja durchaus auch eine gewisse Grundfreundlichkeit zugewiesen wird. Während in den USA zwar selten Berührungsängste vorherrschen und die Menschen oft ein Lächeln für ihre Mitmenschen übrig haben, bleibt dort vieles auf einer sehr oberflächlichen Basis. Der Kanadier scheint mir da zwar etwas zurückhaltender, aber ehrlicher zu sein, was den Charakter seiner Freundlichkeit betrifft.

Mittwoch, 18.10.17:

Ich muss wohl ein wenig verloren wirken, als ich da mit einem großen Rucksack auf dem Buckel und einem kleineren Exemplar vor dem Bauch meinen konzentrierten Blick auf den Busfahrplan an der Haltestelle im Zentrum Kingstons richte. Oder der werte Gareth, von dessen Namen ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung habe, hat sich ganz einfach zum Ziel gesetzt, meine Freundlichkeits-These zu untermauern. Ob er mir denn helfen kann und wo ich hin müsse, ertönt seine Stimme über meine Schulter. Ich drehe mich umständlich wie ein Schwertransporter zu ihm um. Ich erkläre ihm, wo ich hin muss. Und er hilft mir ohne Umschweife und mit sichtlicher Freude.

Gareth ist verheiratet, arbeitet im Krankenhaus in Kingston und hat in Toronto studiert. Er ist begeistert von meinem Trip – bei jeder aufgezählten Stadt beginnen seine Augen ein wenig mehr zu strahlen. Ottawa – toll, sagt er. Montreal allerdings sei noch ein wenig schöner. Und Boston natürlich, eine wunderbare Stadt. Zu NYC will er gar nicht mehr viel sagen. Eine Stadt, in der jede Straßenecke neue Highlights bietet.

Wir sprechen nicht nur von mir. Es ist kurz vor halb 12, und Gareth macht bereits Feierabend. Warum? Nun, er bekommt eine neue Waschmaschine geliefert., Auf der Website des Herstellers wurde mit einem komfortablen 4-Stunden-Zeitfenster für die Anlieferung geworben. Gareth war davon ausgegangen, er könne sich innerhalb dieses Fenster seine Wunschzeit aussuchen. Natürlich nicht. Die Waschmaschine kommt heute zwischen 12 und 16 Uhr. Ich versichere ihm lachend, dass er sich keinen Stress machen muss. Da er sich extra einen halben Tag Urlaub genommen hat, wird der Lieferant frühestens um fünf Minuten nach 4 bei ihm klingeln. Garantiert.

Mittwoch, 18.10.17:

Es ist Oktober. auch in Kanada. Konkret bedeutet das: Bunte Bäume, fallendes Laub, langsam kälter werdende Außentemperatur. Und es bedeutet: Oktoberfest. Auch in Kanada. Ich habe gerade Platz genommen in einem Restaurant in der Nähe des ByWard-Marktes, eines wunderbar alternativen Marktplatzes im Zentrum Torontos. Gleich nebenan gibt es französisches Gebäck. Wäre ich nicht an der Grenze zu Frankreich aufgewachsen, wäre das vermutlich ein größeres Ding für mich. Symbolisch zeigt es aber allemal: Das zweite Kapitel meiner Reise ist erreicht. Quebec, der Osten Kanadas.

Zurück zum Oktoberfest. Die Kellnerin drückt mir eine Speisekarte in die Hand, außerdem eine Karte mit den angebotenen Getränken und eine Spezialkarte. Darauf zu finden: Halbes Hähnchen, Haxe, irgendwas mit „Pretzels“. Man könnte hier jetzt wunderbar sezieren, was der Kanadier als typisch deutsch versteht und dazu amüsiert an seinem Hacker Pschorr nippen. Oder man ignoriert die Spezialkarte bezüglich eines Volksfests, das mir auch in Deutschland noch nie sonderlich nahe lag, bestellt sich ein kanadisches Red Flag und dazu Beef Brisket aus dem Smoker. Meine Entscheidung? Tja.

Ganz kann ich dem Oktoberfest-Hype an diesem Abend natürlich trotzdem nicht entgehen. Als Beilage zum Beef Brisket – so weit hatte ich die Karte beim Bestellen gar nicht gelesen – gibt es typischerweise Pommes. Und Kartoffelsalat. Also beides, nicht wahlweise. Soll wohl die Vitamine liefern, der Kartoffelsalat. Ihr wisst schon: SALAT.

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