Chinesische Ekstase auf dem Parliament Hill

Donnerstag, 19.10.17:

Vorhang auf für Patricia. Ich sitze an der Küchen-Bar ihrer Wohnung, eine Tasse Kaffee vor der Nase. Die hat mir Patricia gerade gekocht. Den ganzen Morgen scheint sie dafür auf mein Erwachen gewartet zu haben. Patricia ist meine Gastgeberin in Ottawa.
Ich habe über AirBNB ein Zimmer in ihrer Wohnung gemietet. Das Zimmer ihres Sohnes genauer gesagt. Der ist 17 und geht auf ein Elite-College, weil er ein herausragender Eishockey-Spieler ist. Eishockey ist in Kanada vergleichbar mit Fußball in Deutschland, nur spielt hier der Stolz eine größere Rolle.

Für Patricias Sohn wird es vermutlich nicht zum großen Sprung in die NHL reichen, dafür ist er etwas zu klein. Hätte er meine Größe, wäre er der absolute Überflieger, scherzt Patricia. Seine Zukunft sieht er nun in Europa, vielleicht in Russland. Dort könne man viel Geld verdienen, wie Patricia erklärt. Allerdings sei das natürlich so eine Sache mit den Russen.

Patricia hat mir nicht nur Kaffee gekocht. Sie stellt mir beispielsweise auch für meinen gesamten Aufenthalt ein Fahrrad zur Verfügung. Das ist in einer Stadt wie Ottawa mit schier unzähligen Kanälen, zwei großen Flüssen und dementsprechend vielen wunderschönen Fahrradwegen eigentlich das beste, was einem jungen Touristen wie mir passieren kann. Dafür bin ich ihr extrem dankbar. Heute morgen ist sie extra ein wenig früher joggen gegangen als sonst, um mir aus der Innenstadt Flyer zu jeder denkbaren Sehenswürdigkeit und Attraktion in Ottawa zu besorgen. Und da gibt es viele. Sie drückt mir freudestrahlend einen Berg voller Prospekte in die Hand. Patricia tut alles dafür, ihren Gästen das Leben so einfach wie möglich zu machen.

Joggen geht Patricia jeden Morgen. Sie tut es für ihre Gesundheit. Patricia kämpft gegen den Krebs, offenbar schon seit Längerem. Das tut sie mir einer unglaublichen Lebensfreude. Sie möchte ihre womöglich limitierte Zeit auf dieser Erde nutzen, so gut es geht. Ich habe unglaublichen Respekt vor Patricia. Von ganzem Herzen wünsche ich ihr alle Kraft der Welt, diese abscheuliche Krankheit zu besiegen. Während ich mich mit ihr beim Kaffee über dies und das unterhalte, mich von ihrer Fröhlichkeit anstecken lasse, kommt mir ein Leitspruch aus Deutschland in den Sinn. Jonathan Heimes hat ihn geprägt, ein junger Darmstädter, der Zeit seines Lebens gegen den Krebs gekämpft hat. Du musst kämpfen, war sein Motto. Denn es ist noch nicht verloren.

Donnerstag, 19.10.17:

Ein junger Chinese drängt mich aufgeregt hinein in einen Kreis aus vielen weiteren Chinesen. Er tut das mit einem Enthusiasmus, der mich zum Lachen bringt. Etwas zurückhaltend folge ich schließlich seinen Anweisungen. Wie mir geht es auch einer Reihe weiterer Ottawa-Touristen, wie ich an den irritierten Blicke der anderen Nicht-Chinesen innerhalb des Kreises erkenne. Wir sind in der Unterzahl, eindeutig.

„One, two, three, four, five minutes to go. Put your name here. It is totally free. Be the lucky one. We wish good luck. Wohooooo!“

Die Chinesen singen gemeinsam ihr Mantra und klatschen rhythmisch in die Hände. Ich klatsche einfach mal mit. Textsicher bin ich aber noch nicht. Es ist kurz vor 14 Uhr, fünf Minuten noch, wie die China-Fraktion goldrichtig vorgesungen hat. In fünf Minuten könnte ich Besitzer eines wahren Heiligtums werden. So sehen das zumindest die Chinesen.

Etwa 45 Minuten zuvor:

Ich stehe vor dem kanadischen Parlamentsgebäude. Es liegt auf dem Parliament Hill und thront über dem Rideau River und der gesamten Innenstadt. Beeindruckt von der Schönheit dieser Stadt folge ich dem Fußweg, der von der anliegenden Straße bis zu den Toren des Parlaments führt. Ich möchte einen Blick aus der Ferne auf diese Komposition beeindruckender Gebäude richten. Unterwegs laufe ich durch eine Gruppe von Chinesen, sie haben Plakate aufgestellt und einige halten große Schriftrollen in den Händen. Sie nicht weiter beachtend, will ich meinen Weg fortsetzen. Doch da habe ich meine Rechnung ohne den Enthusiasmus der versammelten Asiaten gemacht.

Eine fröhliche Frau sucht meinen Blick und kommt strahlend auf mich zu. Ich müsse unbedingt meinen Namen auf einen Zettel schreiben und in eine Box, die inmitten der Gruppe positioniert ist, werfen, erklärt sie ohne Umschweife. Sie betont immer wieder, dass das alles sei völlig kostenlos sei. Ich könne einen asiatischen Leitspruch auf Leinwand gewinnen. Jede volle Stunde werden an diesem Mittag drei Gewinner gezogen.

Die Kunstwerke beeindrucken mich auf den ersten Blick nicht wirklich. Mir wird zwar glaubhaft versichert, die Schriftrollen seien in tagelanger Detailarbeit angefertigt worden. Für mich sehen sie aber trotzdem so aus, als könne man sie innerhalb einer knappen Stunde ziemlich exakt abmalen. Also, wenn man denn malen kann. Und wenn man unbedingt „es ist, wie es ist“ in chinesischen Schriftzeichen auf einer Leinwand verewigen will.

Vermutlich bin ich einfach nur ein Banause und habe den wahren Wert der Rollen nicht erkannt. Jedenfalls ergebe ich mich dem Drängen der Chinesin irgendwann bereitwillig. Ich schreibe meinen Vornamen auf ein Blatt Papier, gemeinsam mit einer Glückszahl. Dann verspreche ich, eine Dreiviertelstunde später wieder da zu sein, um der Auslosung beiwohnen zu können. Und ich tauche tatsächlich pünktlich um kurz vor 14 Uhr wieder auf dem Vorplatz des Parliament Hills auf. Irgendwie hat mich die Euphorie der chinesischen Gruppe, die übrigens zuvor auch schon in Heidelberg (oder in den Worten der Chinesin: Hadabag) Schriftrollen verschenkt hat, doch fasziniert. Und dann geht’s los.

One, two, three, four minutes to go.

Und so weiter. Ich gewinne natürlich nichts. Stattdessen werden drei Personen aus derselben mexikanischen Großfamilie gezogen. Die „lucky ones“ rufen mit allen anderen Familienmitgliedern spontan und völlig euphorisiert eine kleine Fiesta aus. Die Chinesen wirken irritiert. Plötzlich sind sie nicht mehr die einzigen, die durch auf den ersten Blick völlig zusammenhanglose Euphorie die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich lenken. So richtig glücklich scheinen sie damit nicht zu sein. Und die Mexikaner freuen sich auch mehr über die Tatsache, überhaupt etwas gewonnen zu haben als über das Geschenk an sich. Währenddessen frage ich mich, ob im Starbucks vielleicht irgendwelche Halluzinogene in den Teig meines Muffins, den ich morgens verputzt hatte, gemischt wurden.

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