Bananen-Muffins nur nach Perso-Vorlage

21.10.17:

Es ist Samstag, draußen scheint schon wieder die Sonne und ein hoffentlich ereignisreicher Tag liegt vor mir. Ich werde im Historic Museum Ottawas in die Geschichte des Landes Kanada eintauchen. Kanada nämlich ist ein Fleck Erde, über den ich trotz der zurückliegenden zwei Wochen nur sehr wenig weiß. Und das möchte ich unbedingt ändern.

Von diesen Plänen erzähle ich auch Patricia, die mir gegenüber sitzt. Sie hat ebenfalls eine Tasse Kaffee vor der Nase. Gerade beiße ich ein Stück der Banane ab, die mir Patricia vor wenigen Minuten in die Hand gedrückt hat. Vitamine. Sehr gesund. Es scheint, als sei mein Wohlbefinden das Nonplusultra für Patricia in diesen Tagen.

Ihr eigenes Wohlbefinden hingegen leidet sichtlich. Sie hat schlechte Nachrichten mitgeteilt bekommen, wie sie mir quasi nebenbei erzählt. Das Thema ist ihr sichtlich unangenehm, sie möchte nicht näher auf die Qualen ihrer Krankheit eingehen. Deshalb unterlasse ich weiteres Nachfragen. Gedanklich ist Patricia ohnehin schon einen Schritt weiter.

Am Vortag sei sie länger aus gewesen, bis etwa 2 Uhr nachts. Sie erzählt das fast entschuldigend, mit der Sorge, sie könne mich nachts gestört haben. Hat sie nicht.

Für das Feiern hatte sie allen Grund. Am Morgen nämlich durchlebte sie die (hoffentlich) letzte Behandlung ihrer Chemo-Therapie. Ich freue mich mit ihr gemeinsam. Und meine Freude wird von anderer Stelle noch intensiviert. Mein Handy vibriert nämlich andauernd. Mein Vater per WhatsApp, der FCS spielt gerade die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart an die Wand. 5:0. Ich balle die Faust unter der Theke. Das bekommt Patricia mit. Und diesmal möchte sie sich mit mir freuen. Also erzähle ich ihr von dem Fußballspiel, vom FCS und vom gerade gefallenen Tor. Das ist mir ein bisschen unangenehm, wo wir doch kurz zuvor noch über ihre Krebs-Erkrankung gesprochen haben. Doch anscheinend kann Patricia die Ablenkung gut gebrauchen. Sie jubelt laut auf und springt zum Kühlschrank. Zur Feier des Moments schenkt sie mir einen Brownie. Der wäre eh nichts für sie, sagt sie. Ihre Nachbarin hätte ihn gebacken. Der Zucker sei ihrer Gesundheit aber unzuträglich.

Innerlich gehe ich auf die Knie vor der Gastfreundschaft, der Herzlichkeit und der Lebensfreude dieser von einer womöglich tödlichen Krankheit gezeichneten Frau. Dann beiße ich in den Brownie. Er ist hervorragend.

23.10.17:

Meine ersten Schritte in der französisch-sprachigen Metropole Montreal führen mich durch die Rue Bernard. Die bereits untergegangene Sonne wird durch die zahlreichen Straßenlaternen ersetzt, die Kanadas Nächte in weichem Licht erstrahlen lassen. An jeder Ecke ist ein Restaurant zu sehen. Montreal ist ein Paradies für Food-Blogger und Essensliebhaber. Ersteres bin ich nicht, Zweiteres aber schon. Und so stapfe ich ziemlich zufrieden die Straße entlang. Ich komme gerade aus Lesters Deli, einem stadtbekannten Laden, indem es das in Montreal sehr beliebte Smoked Meat-Sandwich zu probieren gibt.

Ein anstrengender Tag liegt hinter mir. Es stand der Ortswechsel von Ottawa nach Montreal an, und ein solcher Ortswechsel bringt immer eine gewisse Portion Stress mit sich. Das gesamte Gepäck ist geschultert und ziemlich schwer, der Bus-Bahnhof muss gefunden, das Ticket rechtzeitig abgeholt werden. Dann die Fahrt, der Ausstieg und wieder ein neuer Kampf gegen die Orientierungslosigkeit. Wo muss ich hin? Wie komme ich dort hin? Wann ist Check-In? Und das alles ohne Internetanbindung. Kaum zu glauben.

Jedenfalls schlendere ich jetzt durch Montreals Straßen und betrete spontan noch eine Bäckerei. Ich möchte die vielgepriesene Backkunst der Franko-Kanadier testen. Ein Bananen-Schoko-Muffin lächelt mich verführerisch an. Ich ergebe mich. Also bestelle ich ihn mit dem wenigen, was von meinem Schul-Französisch noch übrig geblieben ist. Das funktioniert auch. Auf Gegenfragen bin ich aber nicht vorbereitet. Ich signalisiere der Verkäuferin stammelnd, dass ich sie nicht verstanden habe. Doch das macht es nicht besser. Resignierend wechsle ich ins Englische. Für die Verkäuferin ist das kein Problem, doch anscheinend bin ich heute einfach nicht ganz fit. Ich verstehe auch aus ihrem folgenden Satz nur den Begriff „ID“, obwohl sie perfektes Englisch spricht. ID? Wieso will sie meinen Perso sehen?

„ID?“

Auf meine Nachfrage nickt die Verkäuferin lächelnd. Ich überschlage im Kopf, was das bedeuten könnte. Ist in dem Muffin Alkohol? Kann ich mir fast nicht vorstellen. Aber mehr gibt meine Fantasie gerade nicht her. Also gut. Den Geldbeutel ausgepackt und aufgeklappt. Hinter der Theke scheint die Dame froh zu sein, dass ich ihren Wunsch verstanden habe. Ich zeige ihr meinen Perso.

Gelächter.

„We aren’t the police.“

Das ruft ein Kollege, der gerade noch an der Kaffeemaschine herumhantierte, der mir nun aber seine volle Aufmerksamkeit widmet.

„Are you a student? Then you get a discount. But we need to see your student ID.“

Zeit für mich, ins Bett zu kommen.

26.10.17:

Es regnet mir ins Gesicht, der vor mir aufgefaltete Stadtplan weht mir immer wieder um die Ohren. Ich verziehe mich unter ein Vordach wenige Meter links von mir. Wird doch wohl nicht so schwer sein, die Kreuzung „Sainte Urbain“ – „Blvd Rene Levesque“ zu finden. Und tatsächlich: Da bin ich also. Auf diesem kleinen Punkt im Feld B3. Cool.

„Can I have a look at your map please?“

Der junge Mann hat einen Rucksack geschultert und trägt eine Boston Celtics-Kappe. Ich gewähre ihm Einblick in die unverhoffte Wunderwaffe gegen die Orientierungslosigkeit. Er heißt Marc, hat unterwegs ebenfalls kein Internet und sucht ein bestimmtes Starbucks. Er nennt mir die entsprechende Kreuzung. Und im Regen stehend starren wir beide auf die Karte. Gefühlt zehn Minuten stehen wir so nebeneinander. Ich habe die Parc Street tatsächlich immer noch nicht gefunden, als er schließlich aufgibt. Dort vorne an der Ecke, da sei noch ein weiteres Starbucks. Dort werde er das freie WLAN nutzen und sein Ziel, das andere Starbucks Ecke Parc Street also, googeln.

Während er sich durch den Regen kämpft, blicke ich ihm hinterher. Drei Fragen schweben mir durch den Kopf. Ist meine Generation mittlerweile wirklich zu doof, eine Straßenkarte zu lesen? Warum trinkt man als Reisender in einer Stadt voller individueller Cafes, Creperien und Bagel-Fabriken seinen Kaffee ausgerechnet im schnöden Starbucks? Und warum stehe ich immer noch hier, wo ich mich doch dank der Karte eigentlich schon vor Minuten wieder zurechtgefunden hatte?

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