Von großen Deutschen und gigantischen Städten

29.10.17:

Ich bin in den USA angekommen. Und so richtig freundlich begrüßt werde ich nicht. Zumindest nicht von der Dame, die da im Bus ein paar Reihen vor mir sitzt. Die sonstigen Bewohner Burlingtons, der Hauptstadt des Staates Vermont, waren in den vergangenen zwei Tagen eigentlich ganz nett zu mir.

„You shitty little bastards. Fuck you! Don’t look at me that way, you stupid motherfucker. BASTARDS!“

Da ist eine Dame heute offensichtlich mit dem falschen Fuß aufgestanden. Dass sie alle Passagiere in diesem Bus, der in Richtung des Flughafens von Burlington unterwegs ist und dabei auch an der größten Mall der Stadt Halt macht, so rüde beschimpft, hat nichts speziell mit mir zu tun. Vermutlich trifft es mich eher zufällig.

Die Frau hat Probleme. Und damit ist sie nicht alleine in diesem großen Land. Wer längere Zeit in den USA verbringt, dem fällt auf, dass die Zahl der Obdachlosen und Hilfsbedürftigen hier höher ist, als man das aus Deutschland kennt. Gut. Deutschland. Eines der reichsten Länder der Welt und sicherlich kein Maßstab. Aber auf der anderen Seite eben auch die USA. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Für manche scheinen die Perspektiven hier aber sogar allzu begrenzt zu sein.

Die USA hat Probleme. Einer Vielzahl an Menschen fehlt es an Bildung, an Perspektiven und an Hoffnung. Das äußert sich natürlich längst nicht bei jedem in lautem Gegröhle und aggressivem Beleidigen von Bus-Passagieren. Dafür hat es sich vor knapp einem Jahr in einem von außen betrachtet nur schwer nachvollziehbaren Wahlverhalten geäußert. Den nackten Zahlen zufolge will die Mehrheit der Amerikaner von einem weißen, privilegierten und ziemlich blöden Toupet-Träger regiert werden. Warum? Zumindest Erklärungsansätze eröffnen sich einem schon, wenn man durch die Straßen kleinerer und größerer amerikanischer Städte flaniert.

31.10.17:

Donald Trump. Gerade noch über seinen Wahlerfolg philosophiert, da steht er plötzlich vor mir. Leibhaftig. Natürlich nicht. Aber fast.

Donald heißt in Wirklichkeit Chester und hat wenig mit dem realen Trump zu tun. Er ist nämlich ein ziemlich pfiffiges Kerlchen. Chester hat sich, passend zum Grusel-Fest Halloween, als Donald Trump verkleidet. Damit zieht er in den Straßen Bostons nicht nur meine Aufmerksamkeit auf sich.

Ich muss wirklich schmunzeln, als ich den etwa 14-Jährigen da mit seinem Vater am Straßenrand eines Bostoner Wohnviertels stehen sehe. Zahlreiche Häuser sind bunt geschmückt, die Menschen unglaublich fröhlich. Halloween ist in den USA eines der beliebtesten Feste des Jahres. Und das merkt man. Die Haustüren in den Wohnvierteln sind geöffnet, überall sitzen die Bewohner auf ihrer Veranda. Sie grüßen, scherzen, lachen. Alle haben eine gute Zeit. Und alle sind ausgerüstet mit Schüsseln voller Süßigkeiten. Der Ansturm der Kinder-Ungeheuer steht schließlich kurz bevor. Schade eigentlich, dass ich mir kein Kostüm besorgt habe.

01.11.17:

Hinter mir sitzen zwei richtige Celtics-Fans. Sie haben schon ein paar Bierchen intus, was sich zwar negativ auf ihren Geldbeutel ausgewirkt haben dürfte, wenn man die Preise in US-amerikanischen Sportstätten betrachtet, was sich dafür aber sehr positiv auf ihre Stimmung auswirkt. Gerade wird auf dem Feld gewechselt. Die Boston Celtics führen souverän, das Publikum ist zufrieden. Für die weniger US-Sport-Faszinierten: Die Celtics spielen Basketball.

„THEIS!“

Genau der klatscht gerade motiviert mit seinen Mannschaftskameraden ab. Daniel Theis, aktuell der aufstrebendste deutsche Basketballer und in aller Munde, weil es bei Dirk Nowitzki nicht läuft und weil Dennis Schröders Team eine ganz schwache Saison spielt. Und die zwei Fans hinter mir freuen sich auf den Deutschen.

„I love Theis! He’s a real fighter.“

Das hört man doch gern. Daniel Theis hat vor wenigen Jahren noch in Braunschweig gespielt. Das zeigt: Er hat eine wirklich starke Entwicklung hingelegt. Doch seinen ersten Aktionen auf dem Spielfeld merkt man eine gewisse Nervosität an. Er vergibt einen eigentlich sicheren Punktgewinn, der Ball springt vom Korbring zurück ins Feld. Auch den Rebound kann sich Theis nicht sichern.

„THEIS!“

Die beiden Celtics-Fans fanden das scheinbar nicht ganz so gut.

„What’s ‚full of shit‘ in German? Vool chaise!“

Lautes Lachen. Und auch ich muss grinsen. Bisher haben die beiden keinen blassen Schimmer davon, dass ein waschechter Deutscher direkt vor ihnen sitzt. Ich drehe mich um.

„It’s ‚voll scheiße‘. But let’s see, he’ll get better.“

Die beiden sind völlig von den Socken. Ein weiterer Deutscher, ein Großer noch dazu. Das wird erstmal gefeiert. Und die Stimmung bleibt gut. Theis nämlich reißt sich am Riemen, steigert sich und zeigt seine bislang beste Saisonleistung. Das bringt mir mehrere enthusiastische Schulterklopfer, den Celtics einen ungefährdeten Sieg und den beiden Fans hinter mir einen gelungenen Abend ein. Danke, Daniel!

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Michael Meyer sagt:

    Hallo ,Lukas

    unterhaltsam dein Block ,kommst auf deiner Rundreise nicht zufällig in Howell,Michigan vorbei ?
    kannst de schöne Grüße mitnehmen an nen alten FC,ler lebt schon über 50 Jahre in den USA.
    „kleines Spässchen“

    mach weiter so

    Gruß Michael

    1. Lukas sagt:

      Danke, Michael! Nein, Michigan liegt nicht auf meiner Route. Sonst hätte ich mal vorbei geschaut! Blau-Schwarze findet man überall 😉

      Schöne Grüße nach Deutschland!

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