Rasante Tage an der Ostküste

04.11.17:
Alles um mich herum blinkt. Es leuchtet, funkelt, sirrt. Schier unzählige Menschen wuseln durcheinander, entweder in Eile oder mit Kamera und Stadtplan ausgestattet. Die eine Gruppe wirkt unbeteiligt bis genervt, die andere aufgeregt bis überfordert. Während die erste Gruppe nur schnell durch den Trubel hindurch möchte, ist die Mehrheit der zweiten Gruppe damit beschäftigt, sich selbst auf einem Selfie möglichst effektiv in Szene zu setzen. Man will schließlich für die Internet-Community den ultimativen Beweis erbringen: Ich bin hier, genau hier! Am Time Square! Seht ihr? Das ist mein Gesicht da auf dem Bild vor der Sehenswürdigkeit!

New York City. Was soll man zu der Stadt sagen? Sie ist fantastisch. Sie ist chaotisch. Sie ist verrückt. Sie ist gleichzeitig aber auch riesig, unübersichtlich, manchmal fast ein wenig erdrückend. Hier, mitten auf dem Time Square, prallen all diese Eigenschaften in unnachahmlicher Art und Weise aufeinander.

Ich muss an die Buchreihe „Tribute von Panem“ denken, während ich hier im Lichterdschungel stehe. Dort lebt eine bunte, grässlich unmenschlich erscheinende Oberschicht in der Großstadt, dem Kapitol. Sie unterdrückt die Bezirke rundherum gnadenlos, um den eigenen Überfluss abzusichern. Das kulminiert in einem jährlichen Event, bei dem „Tribute“ der einzelnen Bezirke gegeneinander kämpfen müssen, bis nur noch ein Überlebender übrig bleibt.

Es muss selbstverständlich (noch) kein Bewohner aus Queens einmal pro Jahr gegen einen Bewohner aus der Bronx in eine Arena steigen. Wer sich in New York aber einmal umschaut, erkennt: Viele Bewohner hier unterscheiden sich in ihrem Stil gar nicht mehr so sehr von den schrill, überzogen und abstrus gekleideten und frisierten Kapitol-Bewohnern. Es geht ums Auffallen, ums Herausstechen aus der riesigen Masse. Und dann läuft man durch ein Wohnviertel am Rande New Yorks, und hier leuchtet plötzlich überhaupt nichts mehr außer den „Open“-Leuchtschildern der unzähligen Grocery Stores. Vom enormen Glanz Manhattans ist hier nichts mehr zu spüren.

New York ist definitiv eine Stadt der Extreme. Und vielleicht ist es auch eine Stadt mit extremer Repräsentationskraft. In gewisser Weise ist NYC ein exaktes Spiegelbild der Entwicklung, die unsere gesamte westliche Gesellschaft dieser Tage nimmt. Vermutlich war das schon immer so.

07.11.17:

Der Haustürschlüssel dreht sich, das Schloss klickt einmal vernehmlich. Ich drehe den Türknauf nach links, drücke kraftvoll gegen die grüne Holztür. Etwas unrund öffnet sie sich und ich stehe im Wohnzimmer von Asrick. Begrüßt werde ich allerdings zuerst von Scorch, dem äußerst zutraulichen und auf Anhieb sympathischen Kater des Hauses. Während ich ihm mit der rechten Hand durchs Fell wuschle, hebe ich die Linke, um Asrick zu grüßen. Der sitzt am Esstisch und telefoniert. Er grüßt mich freundlich, will wissen, wie mein Tag war.

Ich bin in Philadelphia, der wohl geschichtsträchtigsten Stadt der USA. Hier hat die Demokratie in ihrer heutigen Form ihren Anfang genommen. In Philadelphia haben Männer wie George Washington, Benjamin Franklin und Thomas Adams in unzähligen Stunden das Konzept der Volksherrschaft erdacht. Sie hatten genug von Königen und Kaisern, die sie aus ihrer alten Heimat Europa zur Genüge kannten.

Seitdem sind rund 250 Jahre vergangen. Asrick, der Anfang 30 ist, lebt in Philadelphia. Für zwei Tage hat er mir ein Zimmer in seinem eigenen, kleinen Haus vermietet. Das Haus hat er in schlechtem Zustand gekauft und es dann selbstständig renoviert und augerüstet. Ich bin beeindruckt. Es lebt sich wirklich wunderbar in seinen vier Wänden und im umgebenden Stadtteil Manayunk. Hier findet sich ein urig-aufstrebender und von jungen Künstlern geprägter Stadtkern voller alternativer Restaurants, Kneipen und Shops. Außerdem hat Manayunk eine eigene Brauerei.

Asrick setzt sein Telefonat nach ein paar mit mir gewechselten Sätzen fort. Und es ist unverkennbar: es geht um Essenzielles. Offenbar macht seine Freundin, die am Abend zuvor noch zu Besuch war, gerade mit ihm Schluss. Ich will nicht stören und verziehe mich schnell nach oben in mein Zimmer. Schade eigentlich. Asrick hat einen riesigen Smart-TV im Wohnzimmer stehen, der uns am Vorabend noch als perfektes Empfangsgerät für eine unterhaltsame Netflix-Serie diente. Heute Abend dürfte Asricks Interesse an Comedy aber eher gering sein.

09.11.17:

„Make America great again!“

Da steht er, der etwa 14-jährige Junge, mit seiner roten Kappe auf dem Kopf. Der Leitspruch Donald Trumps ist darauf fett abgedruckt. Es ist ihm nicht bewusst, dass er gerade meine volle Aufmerksamkeit genießt.

Es gibt sie also wirklich, die Trump-Fans unter den Amerikanern. Und sie tragen seine Merchandise-Artikel. Weiterhin. Trotz des zurückliegenden Jahres. Es ist ein Phänomen.

Der Junge selbst kann für seine politische Geschmacksverirrung vermutlich wenig. Sein Alter lässt nicht auf großes politisches Interesse schließen. Der Verantwortung für die Auswahl der Kopfbedeckung liegt da schon eher beim Vater.

Der steht rechts neben seinem Sohn, ein weiterer Sprössling des Trump-Fans tummelt sich in Hörweite. Die drei erfüllen einige Klischees. Stellt euch einfach einen typischen Amerikaner mit seinen zwei Söhnen vor, wie man sich solch ein Trio eben vorstellt. Dann trifft man heutzutage längst nicht mehr die Durchschnittsfamilie in diesem Land. Aber man trifft diese drei Besucher des Museums der amerikanischen Nationalgeschichte in Washington DC sehr genau.

Der Ort, an dem wir uns gerade befinden, macht die Situation so skurril-traurig. Klar, die hier befindlichen Ausstellungen sind allesamt US-amerikanisch gefärbt und damit sehr positiv gegenüber der eigenen Vergangenheit und Kultur gestimmt. Hier feiert man sich selbst.

Aber vor allem feiert man die Vielfalt, die Diversität der amerikanischen Kultur. Das Museum stellt auf herausragende Art und Weise dar, was den Bewohner der USA ausmacht: Er ist eben nicht über einen Kamm zu scheren. Er ist afrikanischen, mexikanischen, asiatischen oder irischen Ursprungs. Oder er kommt aus Italien. Oder aus Guatemala. Oder seine Wurzeln finden sich bei den Ureinwohnern Amerikas.

Das „Museum of American History“, es macht klar, welche Rolle Immigration in der Geschichte der USA spielt: Ohne Einwanderer gäbe es dieses Land in seiner heutigen Form nicht. Noch nicht mal ansatzweise. Es sähe vollkommen anders aus. Das darf man gerne feiern, da darf man auch stolz drauf sein. Wer das aber in Verbindung mit dem Slogan „Make America great again!“ bringt, der hat nichts verstanden.

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