Der Sonne hinterher

10.11.17:

„Hey, how are you doing?“

Die Standardbegrüßung der Amerikaner. Diesmal kommt sie von einem etwa 35-jährigen Mann mit Kappe. Er hat sich gerade neben mich gesetzt hier auf die nicht sonderlich bequeme Bank am Busbahnhof von Washington. Er heißt Connor, ist verheiratet und Lokführer.

Connor ist unterwegs nach Tampa, Florida. Vom Norden der USA also weit in den Süden hinein. Für eine Busreise eine sehr ordentliche Distanz. Als ich das sage, zuckt er nur mit den Schultern. In Amerika werden Distanzen einfach anders bewertet. Mein Weg bis nach New Jersey ist im Vergleich dazu ein echtes Kinderspiel. Fünf Stunden im Bus, das ist ja nichts. Ich nicke. Ja, von mir aus.

Das Gespräch nimmt seinen Lauf. Und Connor scheint mich zu mögen. San Francisco also ist das nächste große Ziel. Ob ich LSD oder Ecstasy zu mir nehme? Die Frage meint Connor ernst. Das wird mir aber erst nach ein paar Sekunden klar. Also muss ich ihn enttäuschen. Nein, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Zumindest ist es in absehbarer Zeit nicht geplant. Das will Connor nicht akzeptieren. Er arbeitet an meiner Bekehrung. Ein einziger Trip, und die Sinne seien für immer geschärft. Das Leben sei dann ein völlig anderes. Es sei wie Magie.

Irgendwann bekomme ich das Gespräch weg von den harten Drogen und hin zu Marihuana. San Francisco, das war einer einer der großen amerikanischen Hippie-Hotspots der wilden Sechziger. John Lennon hat in der berühmten Castro Street vor über 50 Jahren jede Menge Gras konsumiert.

Doch John Lennon ist tot. Die Gegenwart, sie ist ein Busbahnhof in der Hauptstadt der USA. Mit Connor. Der sagt von sich selbst, er glaube an Verschwörungstheorien. Warum soll es keine Aliens geben? Das Universum ist viel zu groß, um das auszuschließen. Ich nicke. Vermutlich. Diese Ansicht hätte ich aber nicht bei den Verschwörungstheorien eingeordnet. Ich bin etwas enttäuscht. Doch Connor legt nach.

Die Medien. Mein Studienfach und ein Spezialgebiet Connors. Lügner und Betrüger, ausnahmslos. Ich solle doch bitte, wenn ich denn irgendwann mal Journalist bin, in die Staaten zurückkommen und da mal für Ordnung sorgen.

Er ist ein unterhaltsamer Kerl, der Connor. Und ich kann eine seiner großen Ängste aus der Welt schaffen: Nein, in Deutschland ist der Großteil der Bevölkerung nicht der Meinung, der Holocaust habe nie stattgefunden. So dramatisch ist es dann doch nicht. Auch wenn der immer stetiger wachsende Anteil an Menschen, die das mit der leidigen Erinnerungskultur endlich hinter sich lassen wollen, schlimm genug ist. Den Aufschwung der Rechtspopulisten versuche ich Connor so gut es geht zu erklären. Er ist da ganz meiner Meinung.

13.11.17:

Ist das schön hier. Mit offenem Mund stehe ich auf dem Gehweg der sehr lebendigen Castro Street im westlichen San Francisco. Ihr erinnert euch? Zwei Abschnitte weiter oben. John Lennon und das Marihuana. Genau.

Kann eine Stadt zur Sehnsucht werden? San Francisco kann, garantiert. Hoch und runter, auf und ab gehen die Straßen im Künstler-/Wohn-/Lebensviertel Twin Peaks zwischen dem Financial District und dem Golden Gate Park. Der Weg einen der vielen Berge hinauf lohnt sich: Der Pazifik erscheint am Horizont, nichts steht einem gigantischen Ausblick im Wege. Kein Wunder, dass John Lennon hier viel Zeit seines Lebens verbracht hat. Ob man San Franciscos Einfluss in seiner musikalischen Genialität wiedererkennen würde, wenn man danach sucht? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Diese Stadt ist Inspiration pur.

17.11.17:

Die Fahrgäste werden langsam unruhig. Sicher, sie kennen diese etwas unangenehmen Zeitgenossen, die laut vor sich hin reden und dabei auf Gott und die Welt schimpfen. Sie wissen auch, wie man mit ihnen umgehen muss. Kopf senken, Blickkontakt vermeiden. Schon gar nicht lächeln. Sonst beginnt ein Gespräch, dass man nicht führen möchte.

Doch der Herr mit dem schwarzen Stirnband scheint aus irgendeinem Grund besonders aggressiv zu sein. Er redet nicht permanent. Dafür bellt er alle vier Sekunden laute Kommandos. Immer mehr Menschen drehen sich verunsichert in seine Richtung. Meint der etwa mich? Oh Gott.

Dann huschen die Blicke unisono gen Boden. Dort, zwischen den Sitzreihen der Metro, gibt sich ein weißes Pelzknäuel zu erkennen. Könnte ein Kaninchen sein, zumindest von der Größe her. Aber es ist ein Hund. Und er sucht verwirrt nach seinem Herrchen. Springt auf Sitze, um besser zu sehen. Doch es hilft alles nichts.

Das Herrchen, das übrigens aussieht wie ein ganz harter Kerl, hat schnell genug davon, Kommandos durch den Zug zu brüllen. Es springt auf. Setzt zum Sprint an. Und rast durch die U-Bahn. Plötzliche Angst spiegelt sich in den Gesichtern der übrigen Fahrgäste wider. Oh Gott! Der wird doch nicht…?

Der Stirnbandträger schlittert die  letzten Meter und greift im Vorbeigleiten das Halsband des putzigen Hündchens. Der weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Schon sind die Oberschenkelmuskeln des Kommandogebers wieder am Arbeiten. Zurückgesprintet, im Zielsprung zurück auf den eigenen Sitz. Nun müssen keine Kommandos mehr gebrüllt werden. Er streichelt seinem Begleiter über den Kopf. Die ersten Umsitzenden müssen lachen. Doch sie bleiben zurückhaltend. Ganz geheuer ist ihnen die ganze Nummer nicht.

Eine Stunde zuvor:

Langsam wird er unangenehm, der penetrante Geruch nach menschlichem Urin. Ich erhöhe das Tempo, mit dem ich zwischen den provisorisch aufgebauten Zelten hindurchaufe. Zelte? Nein, ich bin nicht auf einem Campingplatz. Ich bin da, wo laut Google Maps das Zentrum von DTLA sein soll. DTLA, also Downtown Los Angeles.

Wenn ich so zurückdenke, ist die Dichte an Obdachlosen von Stadt zu Stadt, die ich bisher besucht habe, angestiegen. Was ich hier erlebe, ist definitiv der bisherige Höhepunkt menschlichen Elends. Die Gehwege sind auf unüberblickbare Distanz blockiert mit den angesprochenen Zelten. Überall Menschen mit wenig Zähnen, lumpigen Klamotten und offensichtlich keiner Perspektive im Leben. Sie sind meist farbig.

Los Angeles, das ist doch eigentlich die Stadt der Reichen und Schönen. Beverly Hills, Hollywood, Santa Monica, Venice Beach. Inbegriffe privilegierten Überflusses. In DTLA zeigt sich mir bisher die Schattenseite all des Glamours.

Als ich die Zeltstadt endlich hinter mich gebracht habe, erholt sich meine Nase auch so langsam vom säuerlichen Pisse-Aroma. Stattdessen riecht es jetzt nach Gras. Der Konsum von Marihuana ist in Kalifornien legal. Öffentliches Urinieren vermutlich nicht. Aber wo soll man denn hin, wenn einem das Privileg einer eigenen Toilette nicht vergönnt ist?

Plötzlich steigt mir ein bekannter Duft in die Nase. Meine Augen folgen den Aromen, die meine Nase erreichen. Tatsächlich. Da grillt jemand Maiskolben. Verkauft sie an Passanten. Und verdient sich so sein täglich Brot. Ich muss mal wieder grinsen. Menschliche Kreativität kennt keine Grenzen, das zeigen die skurilsten Situationen. Der Maiskolben-Grillmeister besitzt keinen Grill, keinen Rost und keine Feuerstelle. Was er besitzt (oder vermutlich eher an sich genommen hat), ist ein Einkaufswagen. Die Ladefläche ist komplett mit Alufolie ausgelegt. In die Alufolie sind einzelne Taschen eingearbeitet. Eine dieser Taschen beherbergt glühende Kohlen. Darüber an einzelnen Querstreben: Die rohen Maiskolben, die in regelmäßigen Abständen gedreht werden. In einer weiteren Alufolien-Tasche werden die fertigen Kolben warm gehalten.

Hätte ich nicht gerade erst gefrühstückt, wäre der Einkaufswagen-Imbiss eine echte Alternative gewesen. So setze ich meinen Weg ohne Mais fort. Und merke einige Querstraßen später: Google Maps ist ein Arschloch. Mit jedem Meter nähere ich mich der tatsächlichen Downtown, hier glänzt es plötzlich wieder. Am Abend empfängt mich mein Host Alan in seiner Wohnung. Er hat eine Karte vor sich ausgebreitet. Aufgeregt deutet er auf eine Region südlich der Downtown. Dort liege das größte Obdachlosenviertel der USA. Die Straßenzüge dort solle ich besser großflächig meiden. Tja.

Hätte er mir diesen Tipp besser früher gegeben? Vielleicht wäre das meiner Sicherheit zuträglich gewesen. Einem unverblümten Blick auf die verschiedenen Seiten LAs aber sicherlich nicht.

 

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