Eintauchen in die Stadt der Engel

19.11.17:

Sport verbindet. Er bringt Menschen zusammen, lässt sie gemeinsam feiern, leiden oder bangen. Er sorgt dafür, dass Individuen sich zu einem Team zusammenschließen, sich aufeinander verlassen, für den anderen weite Wege gehen. Sport ist im Erfolgsfall das Idealbild einer funktionierenden Gesellschaft.

Während die letzten Sonnenstrahlen des Tages sich ihren Weg durch die schmalen Lücken zwischen den zahlreichen Wolkenkratzern um mich herum bahnen, der angenehm kühle Wind durch die großen Blätter der Palmen streift und Menschen zielstrebig von einem Geschäft ins andere laufen, halte ich einen Moment inne.

Go Pats!“

Der junge Skater ist hocherfreut, mich zu sehen. Ich trage ein in Boston erworbenes Trikot des aktuell besten American Football-Teams der NFL, der New England Patriots. Und die mag er scheinbar auch. Wir unterhalten uns über Boston, das dortige Klima, die Lebensqualität. Er würde ja sofort an die Ostküste ziehen. Aber LA ist einfach günstiger.

„Hey, Super Bowl Champ. Congrats, man!“

Während die Sonne immer weiter untergeht, setze ich meinen Weg irgendwann fort in Richtung U-Bahn-Station. Auch der Skater geht seines Weges.

„You’re a Pats-Fan?“

Ich stehe an der Kasse eines Supermarkts, auf dem Band neben mir Obst, Bagel, Kekse und Erdnussbutter. Alles essenzielle Bestandteile meines Lebens auf Reisen. Ich drehe mich in Richtung der fragenden Stimme. Ein Mann, schätzungsweise Mitte 30. Kurzes Lächeln, dann spricht er es an. Ob ich auch ein Pats-Fan bin?

Er kommt aus New England. Boston, das ist für ihn Heimat. Für mich nicht, wie ich ihm erkläre. Nein, ich bin Deutscher. Ja, Deutscher. Welcher Teil? Südwesten. Wo genau? Saarbrücken. Noch nie gehört. Nähe Frankfurt. Aufhellendes Gesicht. Frankfurt! Bewunderung. Es gibt wenige deutsche Städte, die der gemeine Amerikaner kennt. Berlin, klar. München, Oktoberfest. Heidelberg. Und Frankfurt.

21.11.17:

Staub liegt in der Luft. Die Sonne brennt auf der Haut. Schweißperlen sitzen auf der Stirn, im Nacken, in den Kniekehlen. Einfach überall. 35 Grad, Los Angeles erlebt rund um Thanksgiving eine Hitzewelle, wie sie zu dieser Jahreszeit nicht üblich ist. Wer hat vor einem Jahr nochmal einen Präsidenten gewählt, der den Klimawandel nicht wahrhaben will?

Ein fernes Rauschen erinnert daran, dass zu meinen Füßen die Mega-Metropole Los Angeles liegt. Viele Straßen sind zu sehen, Autos bewegen sich darauf wie kleine Ameisen in einer nicht enden wollenden Kolone. Und sie bewegen sich äußerst langsam. Es ist Feierabendverkehr.

Über mir kreisen schwarze Krähen, sie beobachten mich. Auf einer Palme einige Meter entfernt hat sich ein Geier niedergelassen. Er ist hier einer der Herren der Lüfte, über den Bergen des Griffith-Parks. Unbehaglich um mich blickend muss ich an das Hinweisschild am Parkeingang denken. Gefährliche Schlangen und Steppenlöwen sollen hier ebenfalls zu Hause sein. Ein Rascheln im Busch neben mir. Doch mein huschender Blick offenbart keine Gefahr. Nichts Lebendiges zu sehen. Sie sind nur zu hören, die Bewohner dieser staubtrockenen Bergplattform über den sich ins Land und zwischen den zahlreichen Bergen hindurchschlängelnden, unzähligen Teilen des Los Angeles County.

Während die Grillen unvermindert zirpen, die Krähen kreisen und das Leben in der Stadt unter mir seinen Lauf nimmt, verschwindet die heiße Sonne langsam hinter einem der umliegenden Berge. Der Horizont färbt sich gold, die Büsche erstrahlen in dem beeindruckenden Farbenspiel. Die steppenähnliche Landschaft wird in bernsteinfarbenen Glanz getaucht. Ich lasse den Blick ein letztes Mal schweifen. Dort, die Skyline von Downtown LA. So klein und unbedeutend wirken die Wolkenkratzer, die sich dort aneinander reihen, in diesem Moment. Mein Blick geht hinüber zum meinem Freund, dem Geier. Er erwidert meinen Blick. Ob er schon einmal einen dieser ominösen Steppenlöwen gesehen hat? Sein Blick jedenfalls ist viel- und gleichzeitig nichtssagend. Es ist Zeit für die Rückkehr in die Zivilisation, da sind wir uns einig.

24.11.17:

Das Rauschen der Wellen ist Musik in meinen Ohren. Der feine Sand Santa Monicas kühlt meine Füße. Ein Schwarm Möwen hat sich in Sichtweite positioniert. Bei einem dieser vielen Zweibeiner wird doch was Essbares abzugreifen sein! So viele Zweibeiner sind allerdings gar nicht anwesend. Der kilometerlange Sandstrand Santa Monicas, der irgendwann übergeht in den Venice Beach, ist zu dieser Jahreszeit angenehm rar bevölkert.

Im tiefen Blau des Pazifik vor meiner Nase ist kaum eine Menschenseele zu sehen. Einige hundert Meter weiter, aus der Distanz winzig klein, scheinen einige Kids im Wasser zu plantschen. Mich lockt der Ozean, er versprüht eine gewisse Anziehungskraft. Doch er ist auch völlig sehr unberechenbar.

Hier, an den Stränden Los Angeles‘ Ende November, hat der Pazifik eine enorme Sogkraft. Man sieht sie nicht, wenn man am Strand sitzt. Aber man spürt sie, sobald man bis zu den Hüften im Wasser steht. Vor allem für Brillenträger wird die nasse Abkühlung dann schnell zum gefährlichen Unterfangen. Der Anziehungskraft der rauschenden Wellen werde ich deshalb zumindest an diesem Tag zum großen Teil widerstehen.

 

Was denkst Du? Lass es uns wissen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.