Die Stadt aller Städte

 

02.12.17:

Ich bin verzückt. Hier, auf der schmalen Treppe aus dunklem Eichenholz, die Stufenzentren bezogen mit rotem Teppich. Links von mir Sitzreihen, rechts der Ausgang zum Flur und den dort befindlichen Toiletten. Einige Meter weiter unten das Parkett, davor die Bühne. Ich bin im Lyseum Theatre, direkt am Broadway. Es ist Pause in einem zum Schreien komischen Stück namens „The play that goes wrong“. Und neben mir steht ein junger Mann, der mir gerade freundlich erklärt hat, der Name Saarbrücken sage ihm etwas.

Spulen wir etwa zwei Minuten zurück. Wir warten beide darauf, unsere Blasen leeren zu können während dieser 15-minütigen Unterbrechung des Broadway-Stücks. Dabei kommen wir ins Gespräch. Er ist aus Philadelphia, so oft es ihm möglich ist am Broadway und er war schonmal in Deutschland. Er hat deutsche Vorfahren, aus einer Stadt in der Nähe von Hamburg. Sie fängt mir R an. Ich gehe im Kopf alle möglichen norddeutschen Städtenamen durch. Mir R? Ich komme nicht drauf (später wird mir einfallen, dass Asher vermutlich von Rostock gesprochen hat).

Wo genau ich denn herkomme, fragt er mich. Meine Antwort: Südwesten, Grenze zu Frankreich.

„Do you know Saarbrücken?“

„Not that far away from Frankfurt.“, die Ergänzung liegt mir schon auf der Zunge. Doch da nickt er plötzlich, der junge Mann namens Asher. Ja, er hat den Namen schonmal gehört.

Gibt’s denn das? Weniger als eine Woche vor dem Ende meiner Reise finde ich einen Amerikaner, der Saarbrücken kennt. Heureka!

02.12.17:

Nun spulen wir ein paar Minuten vor. Ich habe mich von Asher verabschiedet, meine Blase geleert und meinen Sitzplatz wieder eingenommen. Auf dem Weg zurück zu meinem Platz die teppichbedeckte Treppe hinunter bin ich einer Frau begegnet, die gerade an einem Flachmann nippte, als sie mich erblickte. Es war keinerlei Scham in ihren Augen zu erkennen.

Nun sitze ich wieder. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis das Stück fortgesetzt wird. Um mich herum herrscht noch geschäftiges Treiben. Ich schaue nur kurz hoch, als meine etwa 50 Jährige Sitznachbarin sich auf ihren Theaterstuhl fallen lässt. Doch meine Aufmerksamkeit steigert sich schnell. Da ist sie wieder. Die Flachmann-Nipperin.

Nein, die Dame hat in der ersten Hälfte von „The play that goes wrong“ noch nicht neben mir gesessen. Ja, da bin ich sicher. Sie hat mir ihrer Freundin die Plätze getauscht. Und fragt mich jetzt, wie ich das Stück bisher so finde. Dabei nimmt sie einen weiteren kräftigen Zug aus der Pulle. Ich muss schmunzeln, antworte, sie haut den nächsten Schluck Hochprozentiges weg. Wo ich denn herkomme, will sie als nächstes wissen.

Das Gespräch nimmt seinen Lauf, irgendwann geht es um Donald Trump. Der ist am selben Tag in New York unterwegs, das war mir am Montag durch Straßensperren und Protestschilder („You’re just Putin’s bitch!“) aufgefallen. Bei der Erwähnung Präsidenten muss erstmal ein weiterer Schluck Schnaps gekippt werden. Sie schüttelt sich. Wegen Trump, nicht wegen dem Schnaps. Dann sprechen wir über die Wahl des blonden Toupetträgers.

Es gäbe defintiv Gründe für seine Wahl. Wieder ein Schluck. Aha. Und welche? Jetzt könnte es wirklich interessant werden. Doch sie antwortet nicht. Also taste ich nach. Etwa, weil Gegenkandidatin Hillary Clinton in den Augen vieler genauso schlecht war?

Oha. Da habe ich einen wunden Punkt getroffen. Neben mir sitzt offensichtlich ein echter Hillary-Fan (mit einer Vorliebe für Schnaps aus dem Flachmann). Sofort wird sie nämlich schnippisch. Hillary sei ganz und gar nicht schlecht. Ich rudere hastig zurück. Alles nur Zitate, ich weiß es ja auch nicht, ich bin nur ein ahnungs- und einblickloser Deutscher. Doch es ist zwecklos. Den Rest der Pause widmet sich die Dame einzig und alleine ihrem Flach-, und nicht mehr ihrem Nebenmann.

04.12.17:

Bunte Lichter blinken hinter der riesigen Glasfassade. Mein Rucksack liegt neben mir, Tastatur und Tablet sind auf meinen Knien aufgebaut. Ich schreibe vor mich hin. Eine sehr italienisch klingende Frauenstimme im Auftrag von AirItalia nennt Namen von Menschen, die sich schleunigst zu Gate 9 bewegen sollten.

In 90 Minuten hebt er ab, der Flieger, der mich zurück nach Europa bringt. Ich sitze am JFK, in der Lobby vor Gate 6. Ein Nachtflug, morgen Vormittag lande ich in Stockholm. Hinter mir liegen fünf Tage New York. 39 Tage USA. 57 Tage Amerika.

Eine lange Zeit, voller Erlebnisse, Einblicke, Erkenntnisse, Begegnungen. Mein müder Kopf bekommt gerade vermutlich nicht mal einen Bruchteil dessen abgerufen, was die vergangenen zwei Monate mir geboten haben.

New York, das war vor ein paar Wochen noch schier überwältigend, ein wenig überfordernd. Jetzt fühlt es sich an wie die großartigste Stadt der Welt. Und ich muss hier weg. Die Welt ist nicht gerecht.

Nun also noch ein Abstecher nach Schweden, ins kalte und vermutlich dunkle Stockholm. Was dort auf mich zukommt? Ich weiß es nicht. Ich werde es bald erfahren. Und ihr werdet es lesen. An dieser Stelle, in wenigen Tagen. Zum (vorerst) letzten Mal in dieser Form des Reiseblogs. Ich hoffe, ich konnte euch ein wenig mitnehmen auf meinem Weg durch all diese fabelhaften Städte, Länder und Regionen. Und jetzt: Auf nach Stockholm!

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