G8 oder G9?

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Die Bildungspolitik in Deutschland ist Ländersache – und das ist immer wieder Anstoß für Kritik. Einerseits gehört der Föderalismus verfassungsgemäß untrennbar zur Bundesrepublik Deutschland, andererseits ist Bildung ein heikles Thema, bei dem Ungerechtigkeit eine Auswirkung auf die Zukunft zahlreicher Bundesbürger hat. Die heftigste Diskussion rund um das Thema Bildung gibt es bezüglich der Gymnasialform und vor allem der Dauer gymnasialer Ausbildung. G8 oder G9? Diese Frage spaltet die Gemüter.

Wer jungen Menschen keine Zeit zur Ausbildung lässt, stört ihre Entwicklung

Welchen übergeordneten Sinn hat ein Abitur in acht Jahren überhaupt? Jungen Menschen wird vermeidlich ein Jahr geschenkt – ein Jahr, in dem die Betroffenen in der Regel nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Es werden Alternativen gesucht. Ein Auslandsaufenthalt, ein freiwilliges soziales Jahr, der Bundesfreiwilligendienst. Das gesparte Jahr wird also durch Alternativen gefüllt, die Erfahrungen einbringen sollen. Vor allem der Auslandsaufenthalt gilt als Inbegriff der Selbstfindung, des Erwachsenwerdens. Dabei ist er doch im Grunde genommen nur eine Flucht vor anstehenden Entscheidungen. Was will ich tun in meinem Leben? Wohin soll mein Weg führen? Diese Fragen überfordern den modernen Abiturienten. Und das hat Gründe: In der Schule wird längst nicht ausreichend auf die Zeit nach dem Abitur vorbereitet. Da sind Lehrer beschäftigt damit, den aufgeblasenen Lehrplan im vorgegebenen, äußerst knappen Zeitrahmen in die Köpfe der Schüler zu prügeln, damit diese dann in den Prüfungen möglichst viel abrufen können. Wenige Monate später ist die Masse an Information größtenteils wieder aus den Köpfen verschwunden. Also: Zurück zu G9, allerdings ohne eine Vergrößerung des Lehrplans. Stattdessen mehr Zeit darauf verwenden, Schülern in der persönlichen Entwicklung zu helfen. Ein Turbo-Abitur in acht Jahren braucht eigentlich kein Mensch.

Wer mit dem Abi in 8 Jahren Probleme hat, wäre auch bei G9 kein Einserkandidat

Die ganze Debatte um G8 oder G9 führt im Grunde genommen an unseren Problemen in der Bildungspolitik vorbei. In acht Jahren sein Abitur zu machen, das ist grundsätzlich sehr gut möglich. Schon ein Blick in andere Länder Europas und der Welt zeigt: Das deutsche G8 ist im internationalen Vergleich längst kein Turbomodell. Ganz im Gegenteil kommen begabte Schüler sehr gut mit acht Jahren Gymnasialzeit zurecht. Wer bei G8 Probleme bekommt, hätte diese auch bei G9 – höchstens in minimal abgeschwächter Form. Leider verstehen viele Betroffene das nicht. Sie sind emotional involviert und haben vor allen Dingen kein Vergleichsmodell, sehen also nur die schlechten Noten und suchen die Schuld daran dann am System. Ein einfacher Weg, sich Probleme aus dem persönlichen Weg zu schaffen. Statt an der Dauer unseres Abiturs sollten wir uns lieber über Lehrpläne und Inhalte streiten, die endlich sinnvoll an eine achtjährige Ausbildung angepasst werden müssen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Geselli sagt:

    Die Debatte um G8 und G9 ist wirklich eine lange und schwierige,da ja jeder wirklich eine andere Meinung dazu hat.

    Ich habe mein Abitur in acht Jahren in Baden-Württemberg gemacht und gleich danach angefangen zu Studieren. Zur Geschwindigkeit des Schulstoffes beim G8 muss ich nun sagen, dass es im Gymnasium zum Vergleich zum Studium was das Tempo betrifft echt langsam ist! Beispielsweise habe ich in meinem Studium Geowissenschaften, hier hatte ich den kompletten Stoff aus zwei Jahren Oberstufe (Geographie 4-stündig, bzw. Kernfach) und noch ein bisschen mehr, innerhalb eines Semesters.
    Sodass es gut war, dass ich das alles schon einmal in der Schule hatte und auch in Mathe, habe ich bisher in meinem Ingenieursstudiengang alles aus dem Abitur gebraucht!
    Es ist also sehr schwierig irgendetwas aus dem Lehrplan herauszustreichen, denn jeder Abiturient schlägt eine andere Richtung an und es ist einfach schwer zu sagen, was an Schulstoff gebraucht wird und was man vernachlässigen könnte

    Jedoch weiß ich genau, wie sehr mich das G8 in meiner Schulzeit angekotzt hat. Feunde von der Realschule etc. hatten, so war zumindest mein Gefühl, einfach viel mehr Freizeit, sind zum Sport oder etwas trinken gegangen, während ich für mein Abi gebüffelt habe, was ich einfach nicht ok fand.
    Natürlich würde jetzt auch jeder an dieser Stelle sagen, wie schädlich es ist Alkohol zu trinken. Natürlich hat er da auch recht, aber bei so einem gemütlichen Abend lernt man neue Leute kennen, man redet über die Welt, über die Interessen von sich und von anderen und man hat im Allgemeinen viel mehr Zeit sich zu entfalten, wenn man weniger Lernstress hat. Und genau das sit der Punkt, der mich beim G8 stört, dass die Zeit für einen selbst fehlt, um herauszufinden was einem liegt und auch jegliche Berufsvorbereitung einfach unter den Tisch gekehrt wird. So kam es bei mir etwa dazu, dass ich für das Vorpraktikum meines Studiengangs Bewerbungen schreiben musste und nach 12 Jahren Schulzeit erst mal bei Google nachfragen musste wie so etwas geht.

    Was mich aber am allermeisten stört, ist die fehlende Vergleichbarkeit zwischen den Ländern, d.h. einfach zu wissen wie viel Stress man selber hatte um ein gutes Abitur hinzulegen, wie Leute aus Hessen oder Berlin die mit mir studieren. Das soll nicht heißen, dass ich Ihnen ihre Qualifikation nicgt gönne, sondern es einfach nicht in Ordnung ist, in Deutschland einfach von der „Allgemeinen Fachhochschulreife“ zu sprechen, also das wir alle die gleiche Qualifikation haben, hinter der aber ein komplett unterschidlicher Leistungsaufwand steckt.

    Liebe Grüße
    Geselli

    1. Lukas sagt:

      Gerade was die Vergleichbarkeit angeht, muss wirklich dringend was passieren. Ich selbst habe Abitur im Saarland gemacht, ebenfalls in acht Jahren. Trotzdem ist unsere schulische Ausbildung vermutlich nicht vergleichbar. Bei unseren Universitäts-Bewerbungen wurden wir aber auf eine Nummer reduziert. Das ist einfach unfair.

      Ich ganz persönlich finde das Modell der Ganztagsschule, wie es in anderen Ländern Europas der Standard ist, eigentlich ganz reizvoll. Acht Jahre Gymnasium, jeden Tag bis in den Nachmittag hinein Unterricht, dafür ein aufgelockertes Programm und mehr Abwechslung. Außerdem keine Hausaufgaben, sondern gemeinsame Problemlösung in der Schule. Wenn die Freizeit dann von mir aus ab 17 Uhr beginnt, ist das immer noch früher als an vielen Tagen eines G8-Abiturienten zum jetzigen Zeitpunkt. Ich kann mich an Tage mit 9 Unterrichtsstunden erinnern – da war man dann nach 16 Uhr zu Hause und hatte noch keine Hausaufgaben erledigt. Neun Stunden sind vermutlich Ausnahmefälle, acht Stunden gehören für viele aber definitiv zum Alltag.

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