Pflichtbesuche im KZ?

am

Die Vergangenheit ist für den Menschen ein Schatz von unschätzbarem Wert. Bereits gesammelte Erfahrungen helfen der Gesellschaft, sich weiterzuentwickeln. Deshalb gehört ein historisches Bewusstsein zu den wichtigsten Gütern der Menschheit. Zur deutschen Historie gehört auch das Kapitel des Nationalsozialismus. Die noch lebenden Opfer dieser Zeit werden aus Altersgründen immer weniger, viele fragen sich, ob die Gräueltaten der damaligen Zeit noch ausreichend gewürdigt werden. Dem folgend hat die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli nun den Vorschlag gemacht, den Besuch in einem Konzentrationslager aus der NS-Zeit zur Pflicht jedes in Deutschland lebenden Bürgers zu machen. Umgesetzt könnte das durch verpflichtende Besuche während der Schulzeit. Zwei Seiten dieser Forderung:

Ein Besuch im KZ lässt Verantwortung wachsen

Es ist ein äußerst mulmiges Gefühl, das Menschen beschleicht, wenn sie die Tore eines KZs durchschreiten. Geschichte dringt hier in alle Poren, und zwar Geschichte der grausamsten überhaupt vorstellbaren Art und Weise. Und nur so wird die Boshaftigkeit und Unmenschlichkeit des damals Geschehenen wirklich greifbar. Wer nur Geschichten über enge Wohnbaracken, über quadratmetergroße Strafzellen oder über die Todesrampe hört, der ist vielleicht kurzzeitig beeindruckt. Doch er entwickelt ganz gewiss kein Bild davon, was zwischen 1933 und 1945 in diesem Land wirklich alles geschehen ist. Die NS-Zeit ist Teil der deutschen Geschichte und sollte uns eine Lehre für die Zukunft sein. Dementsprechend ist sie Bestandteil der Identität von allen, die sich als Deutsche bezeichnen. Und ein solch wichtiger Bestandteil darf nicht in Vergessenheit geraten. Deshalb sollte der Besuch in einem KZ genauso für schulische Lehrpläne vorgeschrieben sein wie Geometrie oder romantische Lyrik. Sogar Bodenturnen muss jedes deutsche Kind in seiner Schulzeit mal gemacht haben, und auch das kann durchaus mit Horror verbunden sein.

Ein Besuch im KZ muss keine Probleme lösen

Historisches Bewusstsein ist wichtig. Das zeigt sich erschreckend deutlich, wenn man auf die Gründe der aktuellen Debatte blickt: Auf Schulhöfen ist das Wort „Jude“ wieder als Schimpfwort gebräuchlich. Von muslimischen Einwanderern werden israelische Flaggen verbrannt. In Großstädten gibt es Wohnviertel, in denen Männer aus Angst vor Aggressionen keine Kippa mehr tragen möchten. Fast 73 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs kann man an schlechten Tagen das Gefühl bekommen, Deutschland hätte überhaupt nichts gelernt. Umso wichtiger ist der richtige Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus. Fest steht: Ein Besuch in einem KZ ist eindrucksvoll, kann wirksam sein. Wenn die schulische Bildung aber nicht zieht, wird der Besuch schnell zur Farce. Dann wird ein KZ zur Plattform für weitere Späße, für weitere Provokationen. Dann wird das Grauen gar nicht wahrgenommen. Wichtig ist deshalb, in der Schule die richtige Botschaft zu versenden: Wir tragen eine riesige Verantwortung für die Zukunft, wir dürfen eine Wiederholung der NS-Zeit nicht zulassen. Und gleichzeitig tragen wir keine Schuld für das Geschehene. Wer das versteht, dem hilft auch ein Besuch im KZ. Wer das nicht versteht, der sieht dann zwar in Auschwitz, Buchwald oder wo auch immer zwar die Todespritschen der ehemaligen Insassen, was er aber mit diesem Anblick anfängt, ist ungewiss.

Was denkst Du? Lass es uns wissen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.