Zwischen Hochkultur und Saufgelage

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Die Narren sind los: Ein Krokodil läuft neben einem Eisbären die Hauptstraße Lützenkirchens entlang, während unser türkis-farbenes Automobil an einer roten Ampel zum Stehen kommt. Sonderlich euphorisch wirken die beiden Wildtiere, die sich in freier Natur definitiv ausschließlich in der jäcken Jahreszeit über den Weg laufen, noch nicht. Wo es hingeht, bleibt ihr Geheimnis. Zum Umzug im Zentrum Lützenkirchens? Oder zum Bahnhof, von wo es weitergeht nach Köln oder Düsseldorf?

Zwei Stunden später sind Krokodil und Eisbär nur noch blasse Erinnerungen, die bei kontinuierlich fließendem Kölsch ganz tief in den Weiten des Gedächtnisses verschwunden sind. Alaaf! Kamelle!

Der Umzug hat gerade begonnen, er ist nicht motorisiert und damit eine Rarität in der rheinischen Karnevalslandschaft. Die Kamelle fliegen, das Kölsch fließt. Wagen nach Wagen schleicht an uns, den Karnevals-Muffeln aus dem Saarland, vorbei. In diesen Momenten kann man allerdings guten Gewissens eine Silbe anhängen: Wir sind längst Ex-Karnevals-Muffel. Das ist ja doch alles ganz geil hier!

Karneval polarisiert. Wer ihn nicht liebt, der hasst ihn. Beide Pole werden in der Regel gerne und laut nach außen hin vertreten. Und die Wahrheit? Die liegt vermutlich dort, wo sie immer liegt: In der Mitte. Zwei Euro ins Phrasenschwein.

Die zwei Saarländer dieser Geschichte sind in guter Gesellschaft. Eine Erbeere, eine Orange, ein Vikinger, ein Flamingo und Thomas Shelby sind stolze Vertreter der rheinischen Frohkultur und führen die Protagonisten ein in die Geheimnisse echter Jecken. Und der Zug schreitet voran. Langsam nähert er sich seinem Höhepunkt: Der Prinzenwagen ist krönender Abschluss der fröhlichen Parade. Prinz Gabi ist schnell in Sichtweite. Euer Gnaden verteilt keine Kamelle, keine Strüssje, keine Haushaltsgegenstände. Prinz Gabi verteilt Fußbälle. Die Euphorie nimmt ungeahnte Ausmaße an.

Der Karneval hat zwei Seiten. Alkohol in gesundheitsgefährdenden Maßen, der Verlust jeglicher guter Sitten und gesellschaftlicher Rücksichtnahme, ein manchmal doch sehr plumper Humor: Viele Bilder lassen den Außenstehenden verständnislos die Hände vors Gesicht schlagen. Doch Ausnahmen sollten niemals ein Gesamtbild prägen. Karneval, das ist fröhliches Miteinander, positive Interaktion mit unseren Mitmenschen, ungekünstelte Ausgelassenheit. Karneval ist Tradition, die von jung und alt gleichermaßen gelebt wird und darauf kann man dann auch einfach mal stolz sein.

Foto:  annca/Pixabay

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