Gib mir ein Echo?

Jahr für Jahr gibt es in Deutschland immer kontroversere Diskussionen um den größten Musikpreis des Landes, den Echo. Nachdem im vergangenen Jahr Jan Böhmermann auf sich aufmerksam machte, indem er eine Gruppe von Schimpansen einen radiotauglichen Pop-Hit kreieren ließ und damit die gesamte Szene in ihrer Kreativlosigkeit und Kommerzgier entlarvte, wurden in diesem Jahr die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang trotz zweifelsohne antisemitischer Texte mit einem Preis ausgezeichnet.

„Mein Körper definierter als von Ausschwitz-Insassen.“

Wer mit dem Wort Antisemitismus konfrontiert wird, denkt automatisch an Deutschland. Hier wurden vor 80 Jahren schändlichste Verbrechen verübt, die historisch gesehen einen traurigen Höhepunkt jahrhundertelanger Diskriminierung bedeuten. Denn Judenhass ist in der europäischen Gesellschaft im Grunde genommen schon seit dem Mittelalter vertreten, er trat immer mal wieder deutlicher oder weniger deutlich auf. Dementsprechend blauäugig ist wohl die Hoffnung, als Gesellschaft Antisemitismus nach den schrecklichen Verbrechen der NS-Zeit endlich hinter uns gelassen zu haben.

„Ich leih‘ dir Geld, doch nie ohne jüdischen Zinssatz im Zündsatz.“
(Urheber: Rapper Favorite als Feature Kollegahs)

Die Texte etwa von Farid Bang und Kollegah verdeutlichen das auf traurige Art und Weise. Immer wieder wird das Judentum mehr oder weniger unterschwellig an den Pranger gestellt. Im Musikvideo zum Song Apokalypse, in dem Kollegah die Welt vor dem Bösen rettet, taucht dieses Böse genau einmal plastisch im Clip auf: Der männliche Darsteller trägt deutlich erkennbar einen Siegelring mit eingraviertem Davidstern und stellt so eine direkte und nicht zu leugnende Verbindung zwischen „dem Bösen“ und dem Judentum her.

Dass in Deutschland nun überhaupt über Antisemitismus im Rap debattiert wird, zeigt die Wurzel des Problems. 80 Jahre nach dem Holocaust sind Vorurteile über Juden wieder diskussionswürdig. Das Klischee des geizigen und im Geldhandel beheimateten Juden ist wieder weit verbreitet. Kinder und Jugendliche vor allem in Problemvierteln deutscher Großstädte wachsen mit diesen Klischees auf, sie verinnerlichen sie. Warum? Auch, weil ihnen oft der Kontakt zu Angehörigen der jüdischen Religion gänzlich fehlt. Deutsche Juden nämlich entscheiden sich immer öfter wieder dafür, ihre Religion nur noch im Stillen auszuleben.

So wächst und wächst das Geschwür des Antisemitismus, mit dem Europa seit dem Mittelalter kämpft, wieder zu ungeahnter Größe. Das darf von einer Instanz wie dem Echo nicht auch noch ausgezeichnet werden. Im deutschen Hip-Hop gibt es derart viele talentierte Künstler, die sich immer wieder durch mutige Statements und eine klare Haltung auszeichnen. Unzählige dieser Künstler sind qualitativ ganz objektiv auf einem völlig anderen Level als Kollegah und Farid Bang. Diese beiden repräsentieren jedoch den Mainstream der Szene, sie sind bekannt und kommerziell erfolgreich. Für einen Musikpreis wie den Echo ist ihre Auszeichnung deshalb einfach. Ein gesellschaftlicher Abgrund wie die Revitalisierung des deutschen Antisemitismus wird dafür offenbar sehenden Auges in Kauf genommen. Denn mal ehrlich: Wer würde denn überhaupt noch über den Echo sprechen, gäbe es nicht Jahr für Jahr einen medienrelevanten Aufreger?

Foto: Flickr | Thomas M

Lizenz: CC BY-ND 2

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