Die gestohlene Heimat

Jörg, Lucas und Lena blicken sehnsüchtig durch die kleinen Gitter im Eingangstor des D-Blocks. Die Baustelle liegt da eigentlich ganz friedlich. Unberührt verharrt sie ihrer selbst, während auf den verdichteten Hängen das Unkraut wuchert. Die verrosteten Zäune sind mit dicken Metallketten gesichert und verschlossen. Hier, wo früher das prachtvolle Saarbrücker Ludwigsparkstadion stand, ist heute nur noch eine verwaiste Baustelle zu finden.

„Etwa dort standen wir immer. Seit ich denken kann, ist der Ludwigspark für mich ein bedeutender Teil Heimat.“

Jörg deutet auf einen Punkt, der früher mal der F-Block der Ostkurve war. Der 1. FC Saarbrücken gehört zu den großen Lieben seines Lebens. Und diese Liebe hat er vererbt an seine beiden Kinder. Lena und Lucas sind beide 14 Jahre alt und besuchen das Willi-Graf-Gymnasium in Saarbrücken. Bald steht eine lang erwartete Klassenfahrt an. Doch möglicherweise kann Lena da nicht mitfahren. Sie lag die vergangenen Wochen flach, Pfeiffersches Drüsenfieber. Die Ärzte raten von der Schulreise eher ab. Doch erkennbar traurig ist die Schülerin darüber nicht

„Dafür verpasst du dann das Auswärtsspiel in Frankfurt. Beim FSV.“

Ein schlagkräftiges Argument, dem ihr Bruder nichts entgegenzusetzen hat. Seine Augen mustern die einzige noch existierende Tribüne des ehemaligen Stadions. Von dort aus stapft ein grauhaariger Mann den schlammigen Weg hinauf zum Tor, an dem die drei Fans warten. Es regnet in Strömen. Der Mann grüßt freundlich und sperrt auf. Er heißt Guido Lambert und ist Hausmeister der Stadt Saarbrücken. Täglich schaut er in der Stadionruine nach dem Rechten, obwohl hier schon seit fast einem Jahr alles stillsteht.

Im Jahr 2015 fiel die Entscheidung: Der Ludwigspark wird grundlegend renoviert. Doch noch während den ersten Abrissarbeiten kam ans Licht, dass Mehrkosten entstehen würden. Dann, im Frühjahr 2017, der Schock: Die Kosten des Umbaus hatten sich beinahe verdoppelt. Die Stadt entschied sich für einen Baustopp. Der Verein und seine Fans standen im Regen.

„Wir wussten gar nicht, ob überhaupt weitergebaut wird. Ganz ehrlich: Ich habe zwischendurch schon gedacht: Das war’s jetzt mit dem FCS. Daran gehen wir endgültig zugrunde.“

Es ist nicht nur eine Metapher, keine Übertreibung: Für Jörg ist dieses Stadion hier wirklich ein bedeutender Teil seiner Heimat. Er erzählt, wie groß in guten Zeiten der Sog nach dem nächsten Heimspiel war. Die Aussicht aufs Wochenende hat ihn über die Woche gerettet, sie hat kräftezehrende Schichten verstreichen lassen. Und dann, samstags nachmittags, war es wieder so weit: Aus Jörg wurde ein Teil der blau-schwarzen Fangemeinde. Ein Teil gemeinsamen Freudentaumels, gemeinsamer Trauerbewältigung oder gemeinsamer Wutkanalisation. Alles eingerissen von ein paar Baggern.

„Ich weiß noch ganz genau, vor drei Jahren. Das letzte Spiel hier, gegen Steinbach. Ich habe noch zu einem Kollegen im Block gesagt: Das wird für viele Jahre unser letztes Mal hier im Ludwigspark sein. Und die schlimmsten Erwartungen haben sich bestätigt.“

Natürlich waren damals auch seine Kinder dabei. Jörg und die Mutter von Lena und Lucas leben in Scheidung. Er sieht die beiden meist nur am Wochenende, immer dann, wenn der FCS spielt. Zum ersten Mal mitgenommen hat er sie im Jahr 2014. Der FCS war gerade in die Regionalliga abgestiegen, vieles im Verein lag in Trümmern. Und trotzdem wurden die damals 11-jährigen Kids von der Magie dieses Stadions in einen Bann gezogen.

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1A Verdichtung: Die ehemalige Fankurve im Saarbrücker Ludwigspark.

Auf der noch existierenden Tribüne stehen die drei nun gemeinsam mit Guido Lambert, der aus dem Nähkästchen plaudert. Er hat viel erlebt, und auch er ist betrübt. Was aus dem Ludwigspark geworden ist, das kann doch niemandem gefallen. Und wer trägt die Schuld? Jörg hat da eine klare Meinung.

„Die Politik macht, was sie will. Die lassen sich wählen, winken in die Fernsehkameras. Ach ja, unsere zwei großen Damen. Was Frau Britz und Frau Kramp-Karrenbauer hier veranstalten, das ist ein Angriff auf unsere Heimat. Dieses Stadion, das war unsere Identität. Hier haben wir geweint und gelacht. Hier wurden wir zu einer Gemeinschaft, zu den Fans des FCS. Und die Politiker? Die lachen doch über uns!“

Das Gesagte muss erstmal verdaut werden. Die Kids sind still, Lambert kratzt sich am Kopf. Der Ludwigspark schweigt. Zu hören sind nur die prasselnden Regentropfen. Schließlich fällt der Entschluss, ins Warme zu gehen. Einige Meter weiter ist die Fankneipe des FCS. Vielleicht kommen die positiven Gedanken zurück, wenn man sich dort ablenkt.

Fans wie Jörg, Lucas und Lena nehmen für ihren Verein auch Abstriche in Kauf. Identität ist doch vor allem das blau-schwarze Trikot, das man sich an Spieltagen überstreift. Ob nun in einem Ausweichstadion angepfiffen wird oder irgendwann tatsächlich wieder im Ludwigspark, das ist eigentlich nur eine Randnotiz. Die Köpfe müssen schließlich oben bleiben. Die Augen allerdings schielen wehmütig hinüber zu den Flutlichtmasten des Ludwigsparks, die majestätisch in den Himmel ragen.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. vinylfreak1903 sagt:

    tjaa,so ist das mit den Mächtigen und unseren Eliten das Volk wird belogen und betrogen nur um an der Macht zu bleiben.
    Man hätte kein neues Stadion gebraucht, hätte man den Ludwigspark so gepflegt wie man seine eigene private Immobilie gepflegt hätte.
    Miete kassiert aber nichts zur Unterhaltung beigetragen.
    und jetzt kostet ein dreiviertel Stadion bei uns ca.30 Mio,s und irgendwo anders baut man komplette Stadien für die Hälfte .
    Der Klüngel in Politik und Wirtschaft in Stadt und Land ist die Ursache dafür und für div.Desaster im Land (Bsp.LSVS).
    Aber das Volk vergisst schnell,und die Hoffnung stirbt zuletzt !!

    1. Lukas sagt:

      Es ist definitiv kein Dreiviertel-Stadion, sondern ein komplettes Fußballstadion geplant.

  2. FußballNow sagt:

    Lieber Betreiber von zweiseitig.com, ich würde gerne in Kooperation mit Ihnen einen Vorbericht zur Fussballweltmeisterschaft in Russland machen. Bei Interesse einfach hier antworten oder mich per Mail anschreiben: leosfussballblog@outlook.de

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