Özil, Gündogan und ihr Präsident

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Zwei deutsche Fußball-Nationalspieler machen Werbung für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: Das klingt erst einmal äußerst skurril. Bei einem Besuch Erdogans in London aber haben sich Mesut Özil und Ilkay Gündogan gemeinsam mit dem in Deutschland stark in der Kritik stehenden türkischen Präsidenten ablichten lassen. Die Fotos wurden über Erdogans Social Media-Kanäle verbreitet, sie dienen der Propaganda im Vorfeld der türkischen Präsidentschaftswahlen in einigen Wochen.

Deutsche Nationalspieler haben Werte zu vertreten

Der DFB rühmt sich fortlaufend seiner überragenden Integrationskraft. Gündogan und Özil galten bislang als Musterbeispiele der gesellschaftlichen Macht des Fußballs. Sie sind als Migrantenkinder an der Spitze der Gesellschaft angekommen – und scheinen doch in einer völligen Parallelwelt zu leben. Indem sie sich gemeinsam mit Recep Tayyip Erdogan ablichten lassen, leisten sie der Pressefreiheit, der Rechtsstaatlichkeit und der Demokratie einen Bärendienst. Alle drei fest in unserer deutschen Identität verankerten Werte werden von Erdogan seit Jahren untergraben. Dem Präsidenten aber helfen Fotos mit populären Fußballern dabei, die in einigen Wochen anstehende Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Danach könnte die Türkei ungehindert weiter abdriften hin zu einem völlig totalitären Regime. Daran würden dann auch Mesut Özil und Ilkay Gündogan einen Anteil haben. Deutsche Nationalspieler müssen Vorbilder sein. Sie sollen jungen Menschen den Weg weisen und zeigen, was mit Fleiß und Talent erreicht werden kann. Wer das von Nationalspielern verlangt, darf Gündogan und Özil nicht mehr in der DFB-Elf dulden.

Deutsche Empörung schlägt mal wieder hohe Wellen

Fotos von Fußballern mit einem Staatspräsidenten –  es gibt sie häufiger. Man denke nur zurück an die WM 2014, als Angela Merkel die deutsche Mannschaft in der Kabine besuchte und es zu einigen vieldiskutierten Selfies kam. Aber natürlich: Die Gemengelage im aktuellen Fall ist eine andere. Mesut Özil und Ilkay Gündogan sind türkischstämmige Fußballer mit einer großen Fangemeinde in der Türkei. Sie sind Vorbilder für zahlreiche Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland. Doch sie sind eben auch nur Fußballer. Und wie sehr Fußballer wirklich noch in der Realität leben, das kann man durchaus in Frage stellen. Haben beide wirklich selbst entschieden, Erdogan ein Trikot zu schenken? Oder wurde das von zwielichtigen Beratern eingefädelt und Gündogan und Özil sind am Ende nur Lakaien eines medialen Spiels? Sicherlich war beiden das Ausmaß ihres Treffens mit dem türkischen Staatspräsidenten im Vorfeld nicht bewusst. Das macht die Auswirkungen nicht wett, es sollte aber ein wenig Verständnis hervorrufen. Man kann und muss die beiden Fußballer nun kritisieren – für ihre Naivität, vielleicht sogar für ihre Dummheit. Doch gleich aus der Nationalmannschaft ausschließen sollte man sie nicht.

Foto:  geralt/Pixabay

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hermann Preßler sagt:

    Lieber Lukas,
    mit großem Ineresse habe ich deinen Kommentar gelesen. Ich war sogar gespannt darauf, ob (und wie) Du Dich äußern würdest.

    Ich habe noch keine abschließende Meinung dazu. Hoffe aber, dass die Entscheidung des Bundestrainers (kanntest Du sie beim Abfassen Deines Kommentars?) noch ausgiebig diskutiert wird und man natürlich auch vernimmt, warum Löw entschieden hat, die beiden mit ins Aufgebot für die WM zu nehmen.

    Aber einige Anmerkungen möchte ich Deinem Kommentar hinzufügen:
    Dein Hauptarguemt, wenn ich Dich recht verstehe, die beiden n i c h t aus der Nationalmannschaft auszuschließen, läuft darauf hinaus, sie wären von anderen instrumentalisiert worden, sie hätten sich keine großen Gedanken um ihren Auftritt mit Erdogan gemacht, wären das Opfer windiger Berater gewesen, „Lakaien eines medialen Spiels“, Naivlinge, vielleicht sogar schlicht dumm.

    Nun, seit wann schützt „Dummheit“ oder „Naivität“ oder die Möglichkeit, sich instrumentalisieren zu lassen, vor einer Sanktion?

    Ich bin auch vorsichtig, weil ich – wie oben gesagt – mir noch keine definitive Meinung gebildet habe, wie eine Sanktion, eine „Strafe“, für die beiden aussehen könnte; wäre Deine Annahme richtig, so könnten sie mit „mildenrnden Umständen“ rechnen. Aber wie, konkret, sähe ein Szenarion aus, in dem sich die beiden Fußballer rechtfertigen müssten, so dass man in der Öffentlichkeit wahrnehmen könnte, wie sie selbst zu ihrer faktischen Erdogasn-Unterstützung j e t z t stehen? Sich öffentlich zu verantworten, das würde ich schon von den beiden erwarten, sich der Diskussion zu stellen, selbst Konsequenzen glaubhaft erkennen zu lassen. Wie also könnte man sich ein Drittes vorstellen – neben nach Russland mitnehmen oder vom Aufgebot ausschließen?

    Die Löw-Motive, die für seine Entscheidung, die beiden zu nominieren, den Ausschlag gaben, kenne ich (noch) nicht, ich bin sehr gespannt…(opportunistiscfh wäre für mich jeder Gedanke daran, die beiden im Ineresse einer möglichen Verteidigung des Weltmeistertitls mitzunehmen!).

    Ich bringe noch einen anderen Gesichtspunkt ein: Ich spreche von den beiden nicht als „dumme Jungen“, sie gehen schließlich auf die 30 zu; ich sehe sie als das, was sie sind: relativ junge Millionäre. Mir scheint, diese jungen Männer bekommen so viel Geld, dass ihnen andere Loyalitäten und Werte (Du nennst Pressefriheit, unabhängige Justiz usw.) schnurz zu sein scheinen, zumindest nicht allzu vieler Gedanken wert. Geld verblendet, und der Zweck des – wie Du es nennst – „medialen Spiels“ ist ihnen wohlbekannt: Gewinn! Sie kennen die Spielregeln und deren Ziel…

    Doch da beginnt nun auch mein weiteres Nachdenken: Der „Zeitgeist“ arbeitet sozusagen auch an i h n e n, in/unter diesem – andere Loyalitäten unterminierenden – Geldsytem (maximaleer Profit) leben wir. Und werden mehr oder weniger davon auch „angesteckt“. Die beiden sind da keine Ausnahme, sondern nur hervorstechende Nutznieser (ich will damit ihre tatsächliche Leistung / Arbeit im Profialltag nicht schmälern).

    Und noch eine Überlegung: Auch die europäische Politik (und damit ja viele PolitikerInnen verschiedener Couleur) lassen es länger schon an Konsequenz im Umgang mit der Türkei (der von Erdogan repräsentierten) mangeln. Wäre, provokativ gefragt, ein Exempel an zwei Fußballern zu statuieren mehr als eine Ersatzhandlung? Bauernopfer?

    Viele Grüße aus der Nachbarschaft,
    Hermann

  2. Lukas sagt:

    Hallo Hermann,

    Ja, ich kannte die Entscheidung. Ich habe auch absolut nicht damit gerechnet, dass Löw die beiden zu Hause lassen würde. Um sie nicht für den 27er-Kader zu nominieren, sind die Geschehnisse vermutlich schlicht und ergreifend noch zu frisch. Löw hätte sich nie aus Eigenantrieb zu einer solch weitreichenden Entscheidung hinreißen lassen, er würde beide höchstens im Falle großen öffentlichen Drucks nicht mit nach Russland nehmen. Und ich kann mir schon vorstellen, dass es ihm vor allem um sportliche Gründe geht. Ich würde ohnehin sagen, dass Löws Aufgabe einzig und alleine ist, die besten Fußballer zu nominieren. Um politisch-moralische Fragen und ihre Beantwortung müssen sich meines Empfindens nach andere Amtsträger wie Reinhard Grindel oder Oliver Bierhoff kümmern.

    Andererseits nominiert Löw seit Jahren Max Kruse nicht mehr – trotz sportlicher Top-Leistungen. Die Gründe liegen offenbar in Kruses Freizeitgestaltung. Sandro Wagner wurde heute trotz sportlich guter Leistungen nicht nominiert, weil er charakterlich nicht ins Schema passt. Beide Fälle stellen die Leistungsfokussierung Löws wieder in Frage.

    Ich habe meine eigene Meinung selbst noch nicht zu 100% gebildet. Ich kann der Argumentation absolut folgen, dass der DFB für seine Werte einstehen muss und zwei politisch zu Propaganda-Marionetten für einen Despoten mutierende Fußballer deshalb nicht zur WM mitnehmen darf. Ich will aber persönlich eigentlich auch niemandem das Recht absprechen, sich politisch zu äußern – zur Meinungsfreiheit gehört für mich auch, dass sich jemand zu einem Despoten bekennen darf. Ob ich das nun teile oder nicht.

    Genau dein Argument der „Schonung“ Erdogans durch die europäische Politik hatte ich ebenfalls im Kopf. Sollte ein Land, dass der Türkei Waffen liefert, wirklich zwei Fußballer dafür bestrafen, sich mit dem Präsidenten des Landes kritisieren zu lassen? Wie solch eine Bestrafung allerdings aussehen könnte, da habe ich auch keine konkrete Idee im Kopf.

    Viele Grüße,
    Lukas

  3. vinylfreak1903 sagt:

    Hallo Lukas
    ich glaube da gibt es nichts zu bestrafen,aber die beiden sollten sich jetzt öffentlich erklären( falls nicht schon geschehen) und entschuldigen.
    Sie stehen nun mal in der Öffentlichkeit sind alt genug und sollten Vorbilder in allen Bereichen sein.
    allerdings von einem Auschluß aus der Nationalmannschaft deswegen halte ich nichts.

    Gruß Michael

    1. Lukas sagt:

      Hi Michael!

      Ja, im Grunde genommen wäre es damit getan. Und der DFB sollte Emre Can einmal besonders hervorheben, der nicht dem türkischen Druck oder dem Ruf nach Geld folgte und ein Treffen ablehnte. Damit verkörpert er wirklich das, was der DFB seinen Fußballern so gerne auf die Fahnen schreibt: Eine echte Vorbildfunktion.

      Viele Grüße
      Lukas

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