Was uns verbindet

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Es ist etwa halb 9 Uhr morgens, als der Wecker erklingt. Die Augen gehen auf, doch der Geist ist bereits seit Stunden wach. An Schlaf war nicht wirklich zu denken so wenige Stunden vor dem wichtigsten Spiel des Jahres. Heute wird endgültig entschieden, ob eine grandiose Saison sich bezahlt macht, ob der verdiente Lohn tatsächlich eingeheimst werden kann. Die Skala der Möglichkeiten ist extrem breit: Uns Fans des 1. FC Saarbrücken trennen heute nur 90 Spielminuten vom Fußball-Himmel, doch die Alternative heißt Hölle. Hölle Amateurfußball, Hölle Regionalliga.

Wie uns geht es heute auch den Anhängern von Weiche Flensburg, Energie Cottbus, dem KFC Uerdingen, Waldhof Mannheim und natürlich 1860 München. Tausende Menschen im Land dürften heute nur schwerlich und unruhig geschlafen haben. Ihre Fußballvereine haben tolle Saisons gespielt, sie haben in vier Fällen eine Meisterschaft eingefahren. Normalerweise ist das der größte sportliche Erfolg, den ein Fußballer innerhalb eines Jahres erreichen kann. Für drei der Vereine allerdings wird dieser Erfolg heute jeglichen Wert verlieren.

Das liegt an einem Konstrukt mit dem offiziellen Namen „Aufstiegsspiele zur 3. Liga“. Im Volksmund spricht man von der Relegation. Zwei Teams müssen jeweils gegeneinander antreten, nur eines darf aufsteigen. Die Gründe dafür sind vielfältig, sie lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Bei den Verbänden im deutschen Fußball läuft einiges gehörig schief.

Acht Stunden später sitze ich erschöpft auf einer der breiten Stufen des Grünwalder Stadions in München. Der Gästeblock hat sich kaum geleert, Menschen starren in die Leere. Unsere Fahnen sind unachtsam auf den Treppenstufen verteilt, unsere Köpfe werden von unseren Händen gestützt. Auf dem Rasen wenige Meter von uns entfernt sitzen die Fußballer des 1. FC Saarbrücken, viele weinen bittere Tränen. Um sie herum: Eine Armada aus voll ausgerüsteten Polizisten und Polizeihunden. Sie haben sich aufgebaut vor dem Gästeblock, sollen unsere Wutausbrüche im Zaum halten. Doch zu Gewalt hat hier keiner mehr die Kraft. Vor einer halben Stunde hat der Schiedsrichter mit seinem Pfiff das Drama perfekt gemacht. Der 1. FC Saarbrücken hat es nicht geschafft.

90 Minuten, die dramatischer nicht hätten choreografiert werden können, liegen hinter uns. Der FCS war die bessere Mannschaft, er hätte den Aufstieg verdient gehabt. Individuelle Fehler verhinderten am Ende, dass man sich gegen das fußballerisch schwächere Team aus München durchsetzen konnte. All das ist irgendwo in unseren Köpfen, doch es wird Tage dauern, bis es wirklich durchdringt. Momentan ist da vor allem eine Erkenntnis: Es war alles umsonst. Wir sind gescheitert, auf ganzer Linie. Die traurige Realität unseres Fußballfan-Daseins wird mindestens ein weiteres Jahr anhalten.

Während mir einzelne Hände auf die Schultern klopfen, drängen Tränen aus meinen Augen. Es fühlt sich gerade wirklich so an, als sei eine Welt untergegangen. Klar, es geht nur um Fußball. Es ist niemand gestorben, das Leben geht ganz normal weiter. Eigentlich könnten wir nach Hause fahren, uns kurz ärgern und dann in den Alltag zurückkehren. Das wäre nicht so schwer, bald steht ja auch noch die Fußball-Weltmeisterschaft an. Dann sind wir sowieso alle wieder im Bann, sind Schland-Fans, zelebrieren den Fußball als gesellschaftliches Groß-Event.

Doch hier und jetzt ist nicht der Moment für realistische Gesamteinschätzungen. Dieser Tag in München, er war voll auf den FCS ausgerichtet. Wir haben uns getroffen, schon am Vormittag. Wir haben gemeinsam die Zeit verstreichen lassen, angespannt und vorfreudig. Wir haben an den Erfolg geglaubt, haben die Möglichkeit des Scheiterns verdrängt. Wir waren ein Team, mit viel mehr als nur 11 Spielern. Diese blau-schwarze Menschenmasse, die im Alltag vielleicht nur wenige Schnittmengen hat, ist ein  Paradebeispiel an Solidarität. Wir weinen gemeinsam, wir trösten uns. Dabei kennen wir uns in vielen Fällen gar nicht persönlich. Würden wir uns auf der Straße entgegenkommen, ohne Trikot oder Schal, würde einer von uns vielleicht skeptisch die Gehwegseite wechseln. Was uns verbindet, ist einzig und allein unser Fußballverein.

Der DFB tut dem Amateurfußball selten einen Gefallen. Er kümmert sich noch seltener um Belange der Fußballfans im Land. Seine Entscheidungen sind profitorientiert, es geht um Markenbildung und Umsätze und Reichweite. Der 1. FC Saarbrücken ist heute mal wieder Opfer dieser Verbandsführung geworden. Doch wir anwesenden Fußballfans haben schmerzlich intensiv gespürt, was den Gang ins Stadion so besonders macht. Gemeinschaft kann wunderbar sein. Sie kann auch unglaublich weh tun. Das hat sie heute. Doch sie war da, sie hat uns verbunden. Auch in der kommenden Saison werden wir sie spüren. Wir werden gestärkt aus diesem Tag hervorgehen.

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