WM-Fieber oder Werte-Frust?

Was ist uns wichtiger? Das Feiern eines bunten Fußballfestes oder das standhafte Einstehen für unsere moralischen Standpunkte? Die Frage mutet geladen und wertend an. Natürlich sind Werte wie Freiheit, Sicherheit oder Gerechtigkeit in der Gesamtbetrachtung wichtiger als vier Wochen Fußball im TV. Doch die Frage stellt sich vom heutigen Tag an ganz konkret: Wie weit gehen wir persönlich, um die Grundfesten unserer Demokratie zu stützen?

Zeit für einen Boykott

Hajo Seppelt wird nicht nach Russland reisen. Der deutsche Journalist, der für die ARD das Staatsdoping Russlands aufgedeckt hatte, möchte das Risiko einer Einreise nicht eingehen. Morddrohungen, die Ankündigung einer Befragung durch den Staatsschutz. Seppelts Sicherheit in Russland hätte nicht garantiert werden können. Das Gastgeberland tritt die Pressefreiheit mit Füßen, es schränkt Oppositionsrechte drastisch ein und gibt sich auch gegenüber Homosexuellen gänzlich intolerant. Es schert sich nicht um die Werte unserer westlichen Gesellschaft und schmeißt mit der WM eine gigantische Propagandamaschine an. Wer jetzt ein fröhliches Fußballfest feiert, wird zum Teil dieser Propagandamaschine. Da hilft nur eins: Der Fernseher bleibt aus, das Trikot im Schrank. Publing Viewing-Veranstaltungen werden großräumig umgangen. Ein Einzelner ändert nichts an der Perversion dieser WM – er hilft aber einerseits seinem Gewissen und kann andererseits Teil einer durchaus aussagekräftigen Masse werden. Eine WM ist nur dann groß, wenn sie die Menschen mitreißt. Dafür sollten gewisse Mindestmaße an gesellschaftlicher Verantwortung eingehalten werden. Übrigens: Ein Boykott in diesem Jahr wäre gutes Training für das Turnier 2022 in Katar.

Die Fröhlichkeit muss überwiegen!

Die westliche Wertegesellschaft, sie wird viel zitiert dieser Tage. Doch was macht so einen Wert eigentlich aus, wenn man mal von der akademischen Überhöhung des Begriffs absieht? Im Grunde genommen geht es uns allen um ein selbstbestimmtes, fröhliches und glückliches Leben. Dazu sollen uns Werte den gesellschaftlichen Rahmen bieten. Gesellschaft – was ist das eigentlich? Wann begegnet sie uns wirklich greifbar im Alltag? Nun, zum Beispiel beim Fanfest oder beim Public Viewing. Auf einmal fühlen wir uns verbunden in einer Gemeinschaft, die elf Fußballern zujubelt. Wir knüpfen neue Kontakte, lachen gemeinsam. Manchmal weinen wir auch, Arm in Arm. Fußball bringt Emotionen in uns allen hervor. Emotionen, die wir gegenseitig nachvollziehen können. Das verbindet. Ein persönlicher Boykott wäre ein pseudoaufopferungsvolles Zeichen, das im Endeffekt nichts an den Oppositionsrechten oder der Anerkennung Hajo Seppelts in Russland ändert. Auch die FIFA wird nur wegen fehlender Fußball-Euphorie in Deutschland nicht damit aufhören, Schurkenstaaten zu unterstützen, wenn sie nur genug Geld auf den Tisch legen. Also: Lassen wir die übergeordnete Ebene einfach mal übergeordnet sein, trinken unser Bier und jubeln mit Reus, Özil, Müller und Co, wenn sie in russischen Stadien um den größten Titel im Weltfußball kämpfen.

Bild:  stux/Pixabay

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