69 weniger – einer tot

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Ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag, so konnte Horst Seehofer vor wenigen Tagen stolz verkünden, wurden 69 Menschen aus Deutschland nach Afghanistan abgeschoben. Sehr viel mehr also, als das in den Vormonaten der Fall war. Ein deutliches Zeichen: Seehofers Maßnahmen als Innenminister scheinen zu greifen. Sein Stolz auf die Abschiebungen aber sorgte für heftige Diskussionen. Darf man sich so über das bemitleidenswerte Schicksal von zahlreichen jungen Menschen freuen? Die Kritik bekam dann einen Tag später neues Futter – ein namentlich nicht genannter Afghane, 23 Jahre alt und zuvor acht Jahre in Deutschland wohnhaft, hatte sich nach seiner Ankunft in Kabul das Leben genommen.

Seehofer muss zurücktreten

Feingefühl, Menschlichkeit, Professionalität. Die Liste der Dinge, die Horst Seehofer vermissen lässt, könnte noch lange fortgeführt werden. Der seit einigen Monaten als deutscher Innenminister tätige Bayer produziert Schlagzeile um Schlagzeile – seine widerliche Freude darüber, dass ausgerechnet an seinem Geburtstag, als sei es ein Geschenk an dieses Land, 69 Menschen abgeschoben wurden, ist der Sahneklecks auf einem seit Wochen immer schlimmer werdenden Ego-Trip voller Peinlichkeiten und politischer Ignoranz. Horst Seehofer ist längst nicht mehr tragbar für diese Bundesregierung und wird das mit jedem Tag weniger. 69 Menschen mussten ihr Leben Anfang der vergangenen Woche komplett umkrempeln und ganz von vorne beginnen, einer von ihnen ist an den Ausmaßen dieser Herausforderung bereits tragisch gescheitert. Für Horst Seehofer aber sind diese Schicksale nur eine Zahl. Eine Zahl noch dazu, die passenderweise mit seinem Alter korreliert – witzig!

Die Aufregung ist heuchlerisch

Horst Seehofer gibt kein glückliches Bild ab dieser Tage. Sein Streit mit der Kanzlerin hat ihm selbst wohl am meisten geschadet, seine politische Zukunft dürfte nicht mehr besonders langfristig sein. Doch seine Kritiker springen nun tatsächlich auf jedes Stöckchen, dass der greise Bayer ihnen hinwirft – und übertreffen sich damit selbst an Heuchelei. Ein Mensch ist gestorben, weil er aus Deutschland abgeschoben wurde. Das ist schlimm, das ist eine Tragödie. Im Endeffekt aber ist es die Schuld von uns allen. Von den Medien, von der Politik und von der wählenden Bevölkerung. Der immer weiter nach rechts driftende Diskurs hat dafür gesorgt, dass Seehofer überhaupt in die Position kam, Abschiebungen konsequenter durchsetzen zu können. Darüber hinaus war der Tote in Deutschland vorbestraft – die Mehrheit der Bevölkerung hätte wohl klar dafür plädiert, diesen Mann abzuschieben, wäre sie gefragt worden. Der Tod des jungen Mannes ist nicht die Schuld von Horst Seehofer und wer gegenüber dem Innenminister nun wegen seines sicherlich absolut unpassenden Altersvergleichs laut aufschreit und seinen Rücktritt fordert, der nutzt das tragische Schicksal des Toten noch zusätzlich aus, um politisches Kapital daraus zu schlagen. Wirkliche Trauer verspürt so gut wie niemand – das stünde uns auch nicht zu. Dafür sind wir alle viel zu sehr schuldig daran, dass ein junger Mensch sich das Leben genommen hat.

Foto (Symbolbild):  Hiljon/Pixabay

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