Kein Schlussstrich!

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Fünf Jahre sind ins Land gezogen, seit der Prozess um die Morde des NSU – des selbsternannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ – begann. Vor einer Woche nun wurde der Richtspruch verlesen. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Eine vorzeitige Haftentlassung ist damit so gut wie ausgeschlossen. Zschäpe war nach Ansicht des Richters vollwertiges Mitglied des NSU, sie plante alle Morde mit und war aktiv an ihnen beteiligt. In ihrer Verteidigung hatte Zschäpe das Bild der von den beiden Mittätern Böhnhard und Mundlos abhhängigen, unmündigen Begleiterin kreieren wollen.

Ebenfalls verurteilt wurden Ralf Wohlleben zu 10 Jahren Haft, er war Waffenbeschaffer des Trios. Drei weitere Mittäter wurden zu drei Jahren Haft verurteilt.

Rechter Terror – nur ein Einzelfall?

2011 brennt ein Wohnwagen. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard sterben – und plötzlich ist der Schock überall zu spüren. Rechte Anschläge auf Migranten, das hatte es in der Bundesrepublik Deutschland in dieser Form noch nicht gegeben. Insgesamt 10 Morde wurden verübt – offiziell. Inoffiziell zweifeln nicht wenige an dieser Zahl. Gab es noch mehr Opfer der Nazi-Mörder, die bislang nicht zugeordnet werden konnten? Indizien dafür existieren in Hülle und Fülle.

Mit verantwortlich für die schnelle Erkenntnis, es habe sich bei den beiden Toten und der Überlebenden Zschäpe um eine rechtsterroristische Vereinigung gehandelt, ist das Bekennervideo der beiden Uwes. Dort sprechen sie von einem „Netzwerk von Kameraden“. Bestand dieses Netzwerk wirklich nur aus Böhnhard, Mundlos, Zschäpe und den vier Mitverurteilten?

Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat vom NSU in seinem Internetcafé in Kassel erschossen. Zeitgleich vor Ort: Andreas Temme, Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes. Kurz zuvor hatte der mit einem V-Mann aus der rechten Szene telefoniert. Seine Begründung für die Anwesenheit im Café lautete vor Gericht: Reiner Zufall, von dem Mord habe er nichts bemerkt.

Kann das stimmen? Ein Londoner Forscherteam baute zuletzt den Tatort nach und rekonstruierte den Mord. Dem Ergebnis nach müsste Temme Schüsse gehört und die Leiche gesehen haben. Doch der Ermittler erklärt stur, er habe in einem Online-Flirt gechattet und sei abgelenkt gewesen.

Das zehnte Opfer des NSU hieß Michèle Kiesewetter – eine junge Polizistin aus Thüringen. Warum musste sie sterben? Zschäpe erklärte während des Prozesses, das Trio habe neue Waffen gebraucht. Diese Begründung ist angesichts des überwältigenden Waffenvorrats, der im Versteck der drei Täter gefunden wurde, stark anzuzweifeln. Wusste Kiesewetter zu viel? Hatte sie Verbindungen des Trios zu staatlichen Institutionen entdeckt? Es bleibt reine Spekulation.

Am 11.11.2011 wurden beim thüringischen Verfassungsschutz sieben Akten geschreddert. Ihr Inhalt ist bis heute unbekannt. Am selben Tag wurden die Gräueltaten des NSU bekannt. Das Schreddern geschah, wie heute bekannt ist, absichtlich. Der verantwortliche Mitarbeiter des Verfassungsschutz erklärte, man habe verhindern wollen, dass die eigene Unwissenheit bezüglich des Terror-Trios ans Licht komme. Ein weiteres, sehr dubios erscheinendes Puzzleteil.

Woher hatte der NSU so detaillierten Einblick in örtliche Verhältnisse, wusste genau Bescheid über die Tätigkeiten der ermordeten Migranten? Wieso sahen Zeugen insgesamt sechs Täter am Tatort des Mordes an Michèle Kiesewetter? Wieso stellte deren Onkel, ebenfalls Polizist, direkt nach dem Mord an seiner Nichte einen Zusammenhang zu den „Türkenmorden“ her, obwohl offiziell erst Jahre später ein solcher Zusammenhang erkannt wurde? Woher hatte der NSU die große Menge an Waffen, die in seinem Versteck gefunden wurde?

Der NSU-Prozess lässt Fragen offen, die unsere Gesellschaft erschüttern sollten. Nichts ist aufgeklärt, lediglich eine Haupttäterin wurde bestraft. Die Aufklärung muss weitergehen. Das sind wir den Opfern schuldig, das sind wir unserer Geschichte schuldig. Die Morde des NSU dürfen nicht in Vergessenheit geraten, sie dürfen nicht von der medialen Oberfläche verschwinden.

Foto: cocoparisienne/Pixabay (Symbolbild)

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