Mesut Özil – Ein Fußballer bricht aus

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Mesut Özil ist kein Typ für herausragende Interviews. Seine Antworten sind in der Regel nichtssagend, wirken monoton auswendig gelernt. Der Eindruck, den der Fußballer damit verbreitet: Da ist jemand nicht daran interessiert, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Die radikalere Auslegung lautet: Der kann ja kaum deutsch. Kein Wunder, dass Özil bei der Nationalhymne nicht mitsingt.

Mesut Özil und die deutsche Öffentlichkeit, im Grunde genommen ist das seit nunmehr 10 Jahren ein großes Missverständnis. Özils Zurückhaltung, seine Angst vor dem Kontakt mit den Medien, hat am gestrigen Tag ein donnerndes Ende gefunden. Özil hat zum Paukenschlag ausgeholt, er hat all jene kritisiert, von denen er sich jahrelang ungerecht behandelt fühlte. Mesut Özil ist aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, und das auf einmalige Art und Weise.

Der Fußball ist durchorchestriert, alles ist geplant. Der Umgang mit den Medien wird in den Vereinen genauso trainiert wie das Kicken auf dem grünen Rasen. Özil ist in Interviews nie ins Risiko gegangen, ihm behagte es nicht, ausgefragt zu werden. Er witterte in jeder Situation die nicht vorhersehbare Falle, wollte keinen Grund für laute Kritik geben. Diese Strategie hat gestern ein Ende gefunden. Dafür wurde Özil gelobt – und gleichzeitig lautstark kritisiert. Beide Seiten haben gewichtige Argumente auf ihrer Seite.

Özil relativiert seine Fehler und sucht die Schuld bei anderen

Er würde es also wieder tun. Mesut Özil würde jederzeit erneut ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan machen. Dies sei keine politische Botschaft gewesen, sondern ein Zeichen der Ehrerbietung seinen türkischen Vorfahren gegenüber. Es sei ihm nicht um Wahlkampf für Erdogans Politik gegangen, sondern um Respekt dem Amt gegenüber. Damit verdreht Özil die Tatsachen und schiebt die Schuld komplett von sich. Zumindest den unglücklichen Zeitpunkt des Fotos, das definitiv ein Propagandamittel für Erdogan war, hätte der Fußballer einräumen müssen. So sucht er die Schuld stattdessen bei anderen – und relativiert seinen eigenen Fehler durch fremde Verfehlungen. Zwar trifft er mit sämtlichen angesprochenen Kritikpunkten ins Schwarze – doch ohne eigenes Schuldeingeständnis ist das nicht mehr als Ablenkung von der eigenen Person. Mit seinem eigentlich beeindruckenden Statement hat Mesut Özil eine große Chance verpasst.

Özil prangert die dringendsten Probleme des deutschen Fußballs an

Mesut Özil wurde kritisiert. Das wäre aus sportlicher Sicht gerechtfertigt gewesen, wenn in der Kritik noch 22 weitere Namen explizit aufgeführt worden wären. Deutschland ist bei der zurückliegenden Weltmeisterschaft krachend gescheitert. Özil war Teil des Teams, stand zweimal in der Startelf. Nach dem Turnier wurde er von den führenden Verantwortlichen des DFB zum Sündenbock erklärt. Seine Nominierung sei vermutlich ein Fehler gewesen, hieß es. Man kann über diese Aussage streiten. Für sich genommen ist sie nicht falsch, aber polemisch. Nach diesem Turnier nämlich könnte man auch sagen, dass die Nominierung aller 23 Kadermitglieder falsch gewesen ist. Özil aber hatte gerade ohnehin ein schlechtes Standing in der Öffentlichkeit, er war ein willkommener Sündenbock. Nicht die eigene Fehlplanung war Grund für das Scheitern, sondern Özils fehlender Nationalsinn. Sein fehlender Einsatzwille, seine Lethargie. Dass Özil spielerisch längst nicht zu den schlechtesten Fußballern auf dem Platz gehörte, wurde gekonnt ignoriert. In dieser Situation ist es herrlich ehrlich und unkonventionell, wie Özil nun seinen Rücktritt orchestrierte: An einem Sonntag, ohne Vorankündigung, zeitlich versetzt. Der letzte Teil des Statements nach Redaktionsschluss der Medienlandschaft. Auf eigenen Social Media-Kanälen, nicht auf einer Pressekonferenz. Die Statements lediglich als Bilder publiziert, womit der Text nicht einfach kopierbar ist. Und obendrauf auch noch auf Englisch. Man konnte förmlich hören, wie in der Bild-Redaktion Hände gegen die Stirn klatschten. Özil nahm kein Blatt vor den Mund, prangerte Mercedes, den DFB, Oliver Bierhoff, Lothar Matthäus und vor allem Reinhard Grindel an. All das tat er zurecht. Bravo, Mesut!

BildrechteJimmy Baikovicius
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/
Bild: https://www.flickr.com/photos/7221539@N06/14463218349

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hermann Preßler sagt:

    Ich finde die Frage zum Voting eigentlich falsch gestellt; denn es handelt sich um ein Statement, das M. Özül von seiner Promoting-Agentur im übertragenen Sinne vor-geschrieben wurde. So wie er beim Foto mit Erdoganwohl nicht lange über die Situation und ihre Folgen nachgedacht hat, so ließ er sich auch jetzt einen teilweise sehr unbedachten Rundumschlag diktieren. Der – leider auch rassistisch traktierte – Fußballer ließ sich verleiten, mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Die Debattenkultur verlottert keider immer mehr!

    1. Lukas sagt:

      Ich finde den unbedachten Rundumschlag im sonst so durchchoreografierten und diplomatischen Fußball-Medienkosmos eigentlich ziemlich erfrischend. Dass Özil aber überhaupt keinen Fehler auf der eigenen Seite sieht, ist wiederum relativ ignorant. Aber klar, du hast recht: Die Frage, welche Teile des Statements Özil ganz ohne Berater und Agentur genauso selbst geäußert hätte, muss man sich stellen. Trotzdem hat er sich die Worte zu eigen gemacht und muss nun daran gemessen werden.

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