Überforderung in Reinform

Viel ist nicht los in der Notaufnahme des Saarbrücker Winterbergklinikums in dieser Wochenendnacht Mitte Juli. Im Wartebereich sitzen zwei weitere Personen, beschreiben kann ich sie nicht. Der Schmerz benebelt meine Sinne. Am Schalter die Klingel betätigt, eine Krankenschwester erscheint. Kaum eine Minute später sind die Formalien erledigt, im Rollstuhl werde ich sofort in ein Behandlungszimmer geschoben. Es ist wirklich ernst.

Das deutsche Krankensystem steht eigentlich dauerhaft in der Kritik. Während der Fokus in den vergangenen Wochen vor allem auf der Altenpflege lag, sind auch Krankenpfleger in Deutschland heutzutage eigentlich chronisch überfordert. Die Stationen sind unterbesetzt, die Schichten unglaublich kräftezehrend. Mein unfreiwilliger Selbstversuch macht mir das heute Abend mehr als deutlich.

Alles sieht danach aus, als hätte ich mir bei meinem Unfall etwa eine Stunde zuvor das rechte Sprunggelenk gebrochen. Es wird mir nicht gesagt, schließlich bin ich der Patient. Panik soll vermieden werden. Aber das Standard-Procedere ist bereits eingeleitet: Die Röntgenabteilung wird informiert, während mir ein Arzt die Hand schüttelt. Beherzt beginnt er, meinen Fuß abzutasten. Tut es hier weh? Und hier? Ja, es tut weh. Es tut verdammt weh.

Die Erkenntnis kam mit dem Schmerz. Da war gerade etwas kaputt gegangen, ich wusste es. Ein Sprung aus 65 cm, der rechte Fuß landete in einem Schlagloch. Zack, umgeknickt. Mein gesamtes Körpergewicht multipliziert mit der Geschwindigkeit des Sprungs. Alle Last auf meinem Knöchel, bei diesen Fakten kann man die Zerstörung förmlich spüren. Der Fuß schwoll rund um den Außenknöchel in sekundenschnelle zu Avocadogröße an. Die Fahrt ins Krankenhaus war alternativlos.

Der Arzt verschwindet, seine Arbeit ist vorerst verrichtet. Weiter geht’s für uns beide, wenn die Röntgenbilder vorliegen. Jetzt müssen erstmal Schmerzmittel gepumpt werden. Schnell wird die Infusion vorbereitet. Einstich. Die Krankenschwester trifft keine Vene. Nächster Einstich, wieder daneben. Ein Nottelefon klingelt. Die Krankenschwester verschwindet im Laufschritt. Mir steckt eine Infusionsnadel im Arm, alles ist voller Blut.

Als sie zurückkommt, ist der nächste Arm dran. Wieder sticht sie hinein, wieder trifft sie die Vene nicht. Blut verteilt sich auch hier. Endlich sitzt die Leitung, die Schmerzmittel können verabreicht werden. Ich spüre sie nicht.

Dann wird geröntgt. Ich soll meinen Fuß drehen. Witzig. Aber eben leider auch unmöglich. Irgendwie schaffen wir es mit vereinten Kräften, brauchbare Aufnahmen herzustellen. Zurück zum Arzt. Der guckt auf die Aufnahmen und fängt an, zu erklären. Erst durchströmt mich große Erleichterung. Der Knöchel ist doch nicht gebrochen. Eine ziemliche Last fällt von mir ab. Doch die Diagnose ist trotzdem ungut. Innenbandabriss. Wie zum Beweis deutet er auf eine Stelle im Röntgenbild. Genau hier sind die Bänder durch. Ob ich das sehe, fragt er.

Irgendwo pocht es in meinem Hinterkopf. Eine Bänderverletzung, die man auf einem Röntgenbild erkennen kann? Aber mit Schmerzmitteln benebelt glaube ich dem Arzt. Ich stelle seine Diagnose nicht in Frage. Und das, obwohl die Innenseite meines Sprunggelenks kaum geschwollen ist. Wird schon richtig sein. Drei bis vier Wochen Gips stehen mir bevor. Die weiße Pampe wird schon um meinen Unterschenkel herum verteilt.

Ich kann die Pointe vorwegnehmen: Die Diagnose war nicht richtig. Auch die Behandlungsmethode ist in Frage zu stellen. Wie sich wenige Tage später herausstellte, hatte ich einen Außenbandabriss erlitten. In solchen Fällen ist eine Gipsschiene eigentlich eher kontraproduktiv. In der Nacht nahm die Schwellung meines Fußgelenks weiter zu, der Gips wurde zu eng. Die Schmerzen raubten mir den Schlaf. Drei Tage später wurde der Gips wieder entfernt, ein Orthopäde erkannte die Verletzung korrekt.

Krankenhäuser können für einen Patienten in der Notaufnahme pauschal 4,74€ abrechnen. Nachts erhöht sich der Satz auf knapp das Doppelte. Die Summe finanziert rund zwei Minuten Behandlungszeit pro Patient. Ich habe ungefähr eine Stunde in der Notaufnahme verbracht. Diese Stunde hat mich gesundheitlich kein Stück weitergebracht. Dabei war ich tatsächlich ein Fall für die Notaufnahme. Viele andere Patienten sind das nicht. Sie kommen ins Krankenhaus, weil ihnen beim Hausarzt kein schneller Termin gemacht werden kann.

Das grundlegende Problem stellt nicht die falsche Diagnose des Arztes dar, der mich an diesem Abend behandelt hat. Ihm fehlten schlichtweg Zeit, Ressourcen und womöglich auch geistige Frische, um mir weiterhelfen zu können. Das grundlegende Problem ist unser Gesundheitssystem, das nicht mehr vor dem Kollaps steht – eigentlich ist es längst kollabiert.

Foto:  Alice12/Pixabay

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