Der Umgang mit Chemnitz

Demonstration oder Hetzjagd? Kontrollverlust oder Achtung der Meinungsfreiheit? Naziauflauf oder mehrheitlich demokratische Protestierende? Seit mehr als einer Woche wird in Deutschland heftig, oft genug auch polemisch über die Vorgänge in der sächsischen Großstadt Chemnitz diskutiert. Dort kam am vergangenen Wochenende ein Deutsch-Kubaner während einer Messerstecherei ums Leben, es entwickelten sich heftige Proteste. An diesen Protesten waren rechtsradikale Vereine, Parteien und Gruppierungen deutlich sichtbar beteiligt. Es folgte eine große Gegenveranstaltung genau eine Woche später, die unter dem Motto #wirsindmehr stand. 65.000 Menschen nahmen teil. Im Fokus der Öffentlichkeit steht nun das weitere Vorgehen – was tun gegen den mittlerweile offenbar riesigen Spalt innerhalb der deutschen Gesellschaft?

Nicht von Nazis in die Enge drängen lassen

 Es sind Videoausschnitte mit abstoßender Wirkung: Glatzköpfige Männer rotten sich zusammen und hetzen plötzlich los, machen Jagd auf ausländisch aussehende Mitmenschen. Im Hintergrund ein Schrei: „Für jeden toten Deutschen ein toter Ausländer“. Da fragt sich jeder halbwegs mit Vernunft gesegnete Mensch doch, wo unsere Gesellschaft mittlerweile angekommen ist. Wir betrachten Massendemonstrationen in Chemnitz, in denen gegen Migration, gegen Ausländer, gegen Politiker und gegen Journalisten demonstriert wird. Die Demos sind geprägt von Nazis, die den Hitlergruß zeigen. Sie sind geprägt von Schlachtrufen der „Adolf-Hitler-Hooligans“, richten sich gegen das „elende Viehzeug“, wie Ausländer per Parole bezeichnet werden. Eine reine Betrachtung der Fakten macht betroffen. Noch nicht einmal 75 Jahre nach der NS-Zeit müssen wir in Deutschland also wieder Nazi-Demos auf großer Bühne ertragen. Wir müssen öffentlich darüber diskutieren, wo eigentlich die Ursachen der aktuellen Unruhen liegen. Doch eigentlich müssen wir das nicht. Wer sich mit solchen Parolen, mit solchen Menschen, die es wohlgemerkt leider überall auf der Welt, nicht nur in Deutschland, gibt, gemein macht, verwirkt sein Recht darauf, gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft zu sein. Wer Nazis eine Plattform bietet, indem er seine politischen Forderungen mit ihnen verknüpft, der ist entweder selbst ein Nazi oder sehr verzweifelt, ungebildet und blauäugig. Das ist aber keine Entschuldigung im Jahr 2018, in dem jeder schon einmal was von den nationalsozialistischen Gräueltaten gehört haben sollte. Dass Menschen auf die Straße gehen und es hinnehmen, wenn Nazis ein paar Meter weiter den Hitlergruß zeigen, während an der nächsten Straßenecke ein Iraker verprügelt wird, der hat ein ganz persönliches Problem.

Auf die Menschen zugehen

Nazis, Seehofer, Merkel, Kretschmar. Immer und immer wieder drehen sich die Themenaspekte im Kreis, werden sie hitzig diskutiert. Eigentlich möchte man die Zeitungsartikel der vergangenen Wochen nicht lesen. Man möchte die Kommentare in der Tagesschau nicht hören, möchte die Newsticker im Netz nicht verfolgen. Deutschland nimmt Gestalten an, die man nicht sehen möchte. Kein Demokrat freut sich darüber, Hitlergrüße zu sehen und die in Chemnitz gegrölten Parolen zu hören. Das hat nichts mit dem Deutschland zu tun, in dem ein Demokrat leben möchte. Und deshalb müssen die Demokraten dieses Landes endlich die Initiative ergreifen und mit Engagement dafür sorgen, zu verdeutlichen, dass Demokraten in Deutschland immer noch in der Überzahl sind. Und so unangenehm das auch sein kann, so sehr es nervt: Dazu müssen wir argumentieren, diskutieren, Flagge zeigen. Wir sind die Mehrheit, auch wenn einige Wenige das immer wieder beherzt und laut abstreiten. Und wir müssen alles dafür tun, die Mehrheit zu bleiben. Deshalb müssen wir Probleme diskutieren, die für uns eigentlich gar keine Probleme sind. Ein Teil der Gesellschaft fühlt sich von Fremdem bedroht, darum müssen wir uns kümmern. Es macht keinen Spaß, es ist eine Strapaze für Nerven und Geduld. Aber es ist die einzige Chance, Nazis in Deutschland zu bekämpfen. Ihnen die Grundlage zu nehmen, sie mundtot zu machen. Das ist unser Land, und es soll unser Land bleiben. Ignoranz führt nur zu größeren Konflikten. Ein Bürgerkrieg in Deutschland? Vor wenigen Jahren war das noch ein Gedanke, der Schmunzeln hervorgerufen hat. Seit der letzten Woche ist das Schmunzeln endgültig verschwunden, es ist einem Schaudern gewichen.

Foto: Pixabay/diema

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