Der große Erfolg und seine Opfer

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Dieser Text ist erstmals in der Zeitschrift evangelische Aspekte erschienen und dort online abrufbar.

Ein misslungenes Bewerbungsgespräch. Eine Abfuhr nach dem ersten Date. Eine Niederlage im Sport. Das Gefühl des Scheiterns begleitet uns an vielen Orten, in vielen Situationen, auf großer oder kleiner Bühne. Es nimmt uns mit. Manchmal mehr, manchmal weniger. Im Showgeschäft wie im Sport ist ein Scheitern der Stoff für gute Geschichten.

Tanz für mich!

Wenn wir nach einem anstrengenden Arbeitstag den Fernseher einschalten, möchten wir unterhalten werden. Wir haben den Drang, uns von den Strapazen des Tages ablenken zu lassen. Einer, der scheinbar für sein Leben gern für andere tanzte, war Daniel Küblböck.

Daniel Küblböck
Daniel Küblböck (1985–2018) , Foto: Wikipedia, Wikimops, CC-BY-SA 4.0.

Als schriller Paradiesvogel trat er in Erscheinung, eroberte die Herzen vieler Zuschauer als schräger Teilnehmer der RTL-Castingshow `Deutschland sucht den Superstar`. Für den Sieg reichte sein gesangliches Talent nicht, trotzdem blieb er auch in den Folgejahren seines Durchbruchs medial präsent. Küblböck verkaufte sich, er tauchte in schier unzähligen TV-Formaten auf und schien sich für nichts zu schade. Die Zuschauer waren fasziniert: Sie konnten lachen, wenn Küblböck mal wieder einen emotionalen Aussetzer hatte. Sie ließen ihn im Dschungelcamp Genitalien verzehren. Küblböck sorgte für Emotionen und war deshalb immer ein Garant für hohe Zuschauerzahlen.

Das ist doch alles nur Show, könnte man jetzt sagen. Der Zuschauer soll unterhalten werden, nur dann schaltet er ein. Und wer hätte ahnen können, dass ein Mensch an all der Aufmerksamkeit, an der Sucht nach medialer Präsenz auch zerbrechen kann? Es ist schwierig, von außen zu beurteilen, ob Daniel Küblböck von seinen Produzenten, seinen Wegbegleitern im Showgeschäft besser hätte geschützt werden müssen. In den vergangenen Jahren hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, absolvierte eine Ausbildung an der Schauspielschule in Berlin. Dort habe er eine Psychose entwickelt, erzählt sein Vater im Nachhinein. Er sei wie besessen gewesen von den anstehenden Prüfungen, die seinen Weg hinein in die Welt der anerkannten Schauspieler widmen sollten. Daniel Küblböck ist wahrscheinlich tot. Er nahm sich am 09.09.2018 mit einem Sprung vom Deck eines Aida-Schiffs das Leben.

Die eine große Chance?

Emrah Avan ist Amateurfußballer mit Leib und Seele. Er ist in seinem Element, wenn er auf dem Fußballfeld steht und plötzlich alles auf ein Ziel ausgerichtet ist: sportlicher Erfolg. Emrah ist Stürmer, und zwar einer der besseren Sorte. Er ist aktiv in der Saarlandliga, der sechsten Liga in Deutschlands Fußballsystem. Dort ragt er heraus.

Emrah hat Spaß am Fußball, auf dem Feld fühlt er sich wohl. Wann immer es geht, kickt er neben seiner Vereinstätigkeit auch mit den Jungs einer Saarbrücker Hobbymannschaft. Dort ist er sportlich absoluter Anführer. Emrah kann mit dem Ball umgehen, seinen Körper einsetzen, ist auch im Kopfballspiel stark. Beruflich ist der 28-Jährige beim Automobilhersteller Ford im Schichtdienst angestellt. Fußball ist für Emrah ein Hobby.

Im vergangenen Winter schien es aber so, als sei diese Einordnung nicht mehr unumstößlich. Der SV Röchling Völklingen, damals in der Regionalliga unterwegs, suchte dringend einen Stürmer, um den drohenden Abstieg noch zu verhindern. Die Regionalliga ist so etwas wie die Schnittstelle zwischen Amateur- und Profisport. Den Völklingern war die außergewöhnliche Torquote Emrahs aufgefallen, deshalb entschloss sich der Verein dazu, dem Hemmersdorfer ein Angebot zu unterbreiten. Emrah zögerte nicht lange. Es schien seine eine große Chance zu sein, wirklich hochklassigen Fußball zu spielen. Für diese Chance ist Emrah im Rückblick auch sehr dankbar. „Ich habe mich sehr wohlgefühlt. Ich wurde von allen Seiten gut aufgenommen und bis zuletzt vom Verein unterstützt. Nach Familie und Beruf steht für mich der Fußball direkt an dritter Stelle.“

Eine Frage der Priorität

 

Emrah-Story
Emrah hat es in der Regionalliga nicht geschafft – den Spaß am Fußball nahm ihm das aber nicht. Foto: Steffi Schmidt.

Seinen Lieblingssport in dieser Rangliste an dritter Stelle einzuordnen, würde vielen anderen nicht in den Sinn kommen. Emrah aber ist Fußballer mit Leib und Seele. Allerdings genügte das nicht, um sich in der Regionalliga durchsetzen zu können. Dafür hätte er Job und Familie vernachlässigen müssen, das tat er nicht. Sein Versuch, in einer höheren Liga Fuß zu fassen, scheiterte. Sieben Monate nach dem Wechsel nach Völklingen und dem Abstieg des Vereins kehrte Emrah nach Hemmersdorf zurück.

 

Für Emrah ist das Kapitel höherklassiger Fußball abgeschlossen. Er blickt sehr reflektiert auf die vergangenen Monate zurück: „Es war eine sehr schöne Sache für mich und ich konnte eine Erfahrung machen, die ich mir früher hätte nie vorstellen können. Aber nein, ich würde den Schritt heute nicht mehr wagen. Es hat leider nicht so geklappt, wie ich es mir gewünscht habe.“

In der Kreisliga aus dem Leben gerissen

Inzwischen kann Stefan Schmidt wieder lachen. Er steht auf dem Fußballplatz, kämpft sich mit vollem Einsatz zurück ins Leben. Diesen Kampf hätte er um ein Haar gar nicht bestreiten können: Im Juli 2017 rang der damals 23 Jahre alte Amateurfußballer um sein Leben. Tagelang lag er im Koma, die Ärzte wollten keine Prognose abgeben. Doch Stefan hat es geschafft – er hat überlebt.

Was war passiert? Stefan, der aus einem sozialen Brennpunkt Saarbrückens stammt, war leidenschaftlicher Hobbykicker. Der FC St. Arnual, sein Team, spielte damals in der Kreisliga. Stefans gesamte Familie war im Verein engagiert.

Am 24.05.2017 kommt es zum entscheidenden Spiel um die Meisterschaft, um den Aufstieg. Etwa 20 Minuten sind bereits gespielt: Stefan geht in vollem Tempo in Richtung des gegnerischen Tores, der Torwart kommt ihm entgegen und will den Ball klären. Die beiden rauschen ineinander, dann ein Schrei. Ein gellend lauter, schmerzverzerrter, in Mark und Bein gehender Schrei. Stefan Schmidt hat sich gerade das Schien- und das Wadenbein gebrochen. Mit dem Krankenwagen wird er auf direktem Weg ins Krankenhaus transportiert, doch die Verletzung entzündet sich. Komplikationen treten auf, Stefan fällt ins Koma – sein Bein muss amputiert werden.

Stefan hatte keine sportlichen Ambitionen, er suchte nicht die Öffentlichkeit. Stefan wollte Fußball spielen – mit seinen Freunden, seiner Familie. Er sah seinen Verein als gesellschaftlichen Ankerpunkt, fand in ihm Halt und Gemeinschaft. Ein einziger Moment, ein etwas zu riskantes Einsteigen veränderte für ihn alles. Doch Stefans wahre Geschichte begann erst im Anschluss an den Unfall. Die Fußballszene der Region zeigte großartige Solidarität, für Stefan wurden nötige Gelder eingesammelt. Sie ermöglichten ihm den Umbau seiner Wohnung, eine kostspielige Therapie und eine Sportprothese. Nun ist Stefan deutscher Amputiertenfußball-Nationalspieler.

Unter den Augen einer gesamten Nation

Fußball ist mehr als nur ein Hobby für junge Menschen. Fußball ist ein Millionengeschäft, ein Unterhaltungsmedium für die große Öffentlichkeit. Das führt zwangsläufig zu hohem Druck für alle beteiligten Akteure. Doch wer den Druck im Fußballgeschäft anspricht, bewegt sich auf dünnem Eis. Das musste Per Mertesacker im vergangenen Sommer am eigenen Leib erfahren.

Per Mertesacker
Ex-Fußball-Nationalspieler Per Mertesacker (Foto: Wikipedia, Michael Kranewitter, CC-BY-SA 4.0).

Lauscht man dem schlaksigen Ex-Nationalspieler, bekommt man einen Eindruck der Abgründe im Leben eines Fußballprofis. Immer wieder brachte Per Mertesacker der extreme öffentliche Druck an die Grenzen des Ertragbaren. Sein Körper rebellierte unter den an ihn gerichteten Erwartungen. Extrem wurde es 2006 bei der WM im eigenen Land: Das „Sommermärchen“ laugte Mertesacker aus, das Ausscheiden im Halbfinale war für den Fußballer fast schon eine Erleichterung. Trotzdem ignorierte er auch in den Folgejahren alle körperlichen Warnsignale, setzte sich extremen Strapazen aus.

Erbrechen, Übelkeit, Durchfall: Mertesacker spürte die Auswirkungen der öffentlichen Dauerbeobachtung wöchentlich. Aufgeben wollte er nicht, konnte er nicht. Zu viel Geld war im Spiel. Beschwerden seien vermessen, dachte er. Er scheiterte daran, sich selbst zu schützen. Doch Mertesacker hielt mehr als ein Jahrzehnt lang allem Druck stand. Sein Freund und Wegbegleiter Robert Enke schaffte das nicht. Der Nationalkeeper nahm sich nach langjährigen Depressionen am 10.11.2009 das Leben.

Was bleibt übrig, wenn ich scheitere?

Robert Enke und Daniel Küblböck eint ihr trauriges Schicksal. Sie brachen unter öffentlichem Druck zusammen. Daniel Küblböck wollte ernst genommen werden, einen seriösen Part im Showgeschäft einnehmen. Hätte er dazu überhaupt die Chance bekommen? Robert Enke wollte durchhalten, er wollte sich seinen Lebenstraum vom Profifußballer bewahren. Nun sind zwei Menschen tot. Per Mertesacker lebt, doch er muss mit schwerwiegenden Folgeschäden klarkommen – physisch und mental.

Emrah und Stefan sind zwei Sportler, die der großen Öffentlichkeit nicht bekannt sind. Sie spielen Fußball, weil es ihnen Spaß macht. Ihr Scheitern brachte ihnen neue Perspektiven, neue Chancen. Emrah konnte in sieben Monaten in Völklingen viel über sich, seine Prioritäten und die Grenzen seiner sportlichen Leistungsfähigkeit lernen. Stefan schöpfte aus einer persönlichen Tragödie neue Kraft. Sie sind Beweise dafür, wie vielschichtig der Begriff des Scheiterns ist. Wie viel Positives aus einer Niederlage gezogen werden kann. Erst der Moment des Scheiterns hat sie zu den Menschen gemacht, die sie heute sind.

Titelbild: Pixabay/CC0
Urheber: Free-Photos

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