Gute Vorsätze für gute Saarländer

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Es ist erstaunlich. 12 Monate sind eine Zeitspanne ziemlich geringen Ausmaßes. Bewusst wird uns das vor allem dann, wenn ein Jahresende bevorsteht. Nun verabschieden wir also 2018. Und auf den ersten Blick ist das auch gut so. Im vergangenen Jahr verlor das Saarland seine Ministerpräsidentin, ganz Deutschland eine Weltmeisterschaft, die SPD den letzten Glauben an sich selbst und Angela Merkel den Rückhalt in der eigenen Partei. Ein Jahr voller Niederlagen und Verluste also, könnte man meinen.

Doch wo Verlierer sind, findet der gewiefte Suchende immer auch Gewinner. Martin Schulz hat seit diesem Jahr wieder ganz viel Freizeit. Der FC Bayern unterhält die Fußballfans in Deutschland endlich wieder – nicht auf dem Platz, dafür aber am Mikrofon. Die deutsche Nationalmannschaft freut sich über ganz neue, sportliche Herausforderungen nach dem Abstieg in der Nations League. Und der Spiegel hat ganz viele Journalistenpreise gewonnen.

Doch genug der Häme und des Spotts. Eigentlich bringt die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester vor allem eines mit: Wehmut. Denn nur wenige Zeitpunkte im Jahr führen uns die eigene Vergänglichkeit so eindrucksvoll vor Augen wie Silvester. Ist es wirklich schon ein ganzes Jahr her, dass ich, von rotem Böller-Matsch und dünnen Holzstöcken umgeben, in der Luft der zarte Duft von Feinstaub, in den Vorgarten meiner Nachbarn kübelte? *

Unabhängig davon begegnen wir Wehmut meist mit dem Versprechen an uns selbst, unser Leben umzukrempeln. Von nun an wird alles besser, unsere verbleibende Zeit wollen wir nutzen! Gute Vorsätze sind mittlerweile zum Klischee verkommen. Kaum jemand fasst sie sich mehr ohne ironischen Unterton. Wir wissen schließlich selbst, dass wir zu schwach sind, um Vorsätze umzusetzen. Damit brüsten wir uns. Doch ist das nicht eigentlich sehr traurig?

Na gut, versuchen wir es eben. Sieben gute Vorsätze, gerichtet an alle Saarländer, die gerne ein bisschen besser werden möchten, als sie eh schon sind. Und natürlich auch gerichtet an alle außerhalb des Saarlands, die gerne so gut wären wie gute Saarländer.

  1. Mir zeihe da Welt, dass ma eh nettes Völkche sinn.
    Zurecht sind wir Saarländer stolz auf die Herzlichkeit, auf die Gemeinschaft, die in unserer Heimat in der Regel vorgelebt wird. Das sollten alle anderen auch wissen! Also: Wer uns besucht, wer einer von uns werden will, wer im Saarland eine neue Heimat aufbauen möchte, den sollten wir herzlich empfangen und ihn vorbildlich integrieren.
  2. Mir sinn stolz uff was ma sinn.
    Es gibt knapp eine Millionen Saarländer auf der Welt. Ein 83stel der deutschen Bevölkerung ist saarländisch – das ist nicht besonders viel. Die Restdeutschen blicken deshalb oft ein wenig skeptisch in Richtung Südwesten. Für uns heißt das vor allem: Wir sind beinahe Unikate – und können da stolz drauf sein.
  3. Im Sommer schwenke ma noch meh.
    Worauf freut sich der Saarländer in der Winterzeit am meisten? Klar, im Sommer kann endlich wieder der Schwenker angefeuert werden. Es geht dabei nicht vorrangig um fettiges Fleisch oder ungesunde Würste, eigentlich geht es um die Gemeinschaft. Alle sitzen zusammen ums Feuer, genießen laue Sommerabende und freuen sich auf die gemeinsam zubereitete Mahlzeit. Der Schwenker bringt uns zusammen – auf den Rost kommt, was jeder Einzelne möchte. Keine Grenzen gesetzt, wie man das eben kennt und lebt im Saarland.
  4. Im Winda aach!
    Habt ihr sie auch gerade gespürt, diese Sehnsucht, als ihr vom Schwenker und seinen sommerlichen Einsätzen gelesen habt? Grund genug, auch im Winter ein zünftiges Feuer zu machen. Dann ist die Vorfreude noch viel größer, das gemeinsame Ums-Feuer-Sitzen noch viel intensiver und sowieso alles noch viel besser!
  5. Mir geh’n se nommo gugge.
    Der 1. FC Saarbrücken hat schwere Zeiten zu überstehen. Das kennt man ja. Also: Auf nach Völklingen, auch da lassen sich schöne Nachmittage verbringen. Hoffentlich mit vielen Siegen, denen im Sommer der Aufstieg folgt. Und dann geht es in etwas mehr als einem Jahr zurück in den heißgeliebten Saarbrücker Ludwigspark.
  6. Mir sahn widda meh Sache wie „Leiskaul“ odda „grad selääds“.
    Man kann von Dialekten halten, was man will. Fakt ist: Sie sind ein Teil von Zugehörigkeit, von Gemeinschaft. Und sie sind Kulturgut. Auch wenn diese Einschätzung vermutlich auf Subjektivität fußt: Der saarländische Dialekt ist auch noch besonders schön. Deshalb sollten wir ihn uns bewahren! Manche Worte haben es verdient, einfach mal ab und an in den alltäglichen Sprachgebrauch einzufließen.
  7. Mir bleiwe eh bissje entspannter, wenn die Leid iwwa uns lache.
    Jan Böhmermann hat es sich zu seinem Running Gag gemacht. Einmal pro Folge seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ macht er einen (selten lustigen) Gag über das Saarland. Grund ist eine persönliche Vorgeschichte. Das macht er vor allem deshalb, weil er damit provozieren kann. Also: Lassen wir uns von an den Haaren herbeigezogenen Witzen nicht provozieren. Bleiben wir ruhig, lachen wir mit. Dann verlieren Provokateure ganz schnell den Spaß an ihrer Unreife.

 

* Werte Nachbarn: Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich vor ziemlich genau einem Jahr tatsächlich jemand in ihren Vorgarten erbrochen hat: Nein, ich war das nicht. Ich bediene mich hier lediglich dem relotius’schen Stilmittel der Unwahrheit, um die Dramatik meiner Geschichte zu steigern. Während ich diesen Text verfasse, ertönen die ersten Akkorde des Klassikers „Alles Lüge“ von Rio Reiser aus den blechernen Lautsprechern meines mattschwarzen Laptops. Ich suche hastig und mit fahrigen Bewegungen nach der richtigen Tastenkombination, um das Gerät stumm zu schalten. Es will mir erst nach einigen, nicht enden wollenden Sekunden gelingen. Schweißperlen rinnen von meiner Stirn, als sei ich ein schmelzender Gletscher in Zeiten des Klimawandels. 

 

Foto: JogiKenobi/Pixabay

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