Verantwortung

Schon wieder steht es um das Saarbrücker Ludwigsparkstadion denkbar schlecht. Nach einer erneuten Kostensteigerung hat der Stadtrat der saarländischen Landeshauptstadt einer Änderung des Finanzplans nicht zugestimmt. Mit Ausnahme der SPD und der Linken stimmten alle vertretenen Parteien gegen die Übernahme der Mehrkosten. Wie es nun weitergeht, ist völlig unklar.

Im Rückblick war es zunächst ein ziemlich normaler Samstag. Ich kann mich jedenfalls an wenig Details erinnern. Was ich frühstückte? Wann ich aufgestanden bin? Welche Socken ich anhatte? Ich habe keine Ahnung mehr. Doch der 22. Mai 2004 hat mein Leben nachhaltig verändert. An diesem Tag hat mich mein Vater zum ersten Mal mit ins Stadion genommen. Der 1. FC Saarbrücken spielte gegen Wehen-Taunusstein, es ging um den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Der FCS gewann das Spiel mit 3:1 und ich, acht Jahre alt, war verliebt. In die blau-schwarzen Trikots, in die Jungs auf dem Spielfeld, in die Menschen im Fanblock. Vor allem aber in dieses Stadion. In diese alte, runde Schüssel, in den 50ern erbaut und schon Anfang des Jahrtausends ziemlich baufällig. Hier wollte ich wieder hin.

Das Ludwigsparkstadion wurde über die Jahre zu meinem zweiten Zuhause. Ich fühlte mich wohl dort, kannte die Menschen, hatte während meiner Jugend einen fixen Anlaufpunkt. Ich wurde älter, doch die Samstage gehörten weiterhin dem FCS. Immer schon wurde mein Fan-Dasein von den Diskussionen um den Ludwigspark begleitet. Neubau? Umbau? Verfall? Die Diskussionen drehten sich im Kreis. Dann, Ende des Jahres 2015, war es so weit. Zum letzten Mal spielte der FCS in seiner, in meiner Heimat. Zwecks einer „Renovierung im Bestand“ wurden die weiten Ränge des Stadions danach abgerissen.

Seither sind viele Texte zum altehrwürdigen Ludwigspark entstanden, auch hier im Blog. 2015 interviewte ich Menschen, die in besonderer Bindung zum Stadion standen. Gemeinsam verabschiedeten wir den Ort, an dem wir so viele Emotionen erleben durften. Wir wussten: Wann wir zurückkehren werden, ist völlig unklar. Dass ich im Jahr 2019 diesen Text werde schreiben müssen, diese Perspektive war damals aber selbst Pessimisten zu schwarzmalerisch.

2017 verkündeten die politisch Verantwortlichen erstmals einen Baustopp. Ich wandte mich damals persönlich und per offenem Brief an die Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz. Nun steht erneut ein Baustopp im Raum und es drängt sich immer mehr das Gefühl auf, in einem leidigen Teufelskreis zu stecken. Wort für Wort könnte man den Brief erneut versenden, etwa an Uwe Conradt, den Oberbürgermeisterkandidaten der CDU. Oder an Tobias Raab, den Fraktionsvorsitzenden der FDP.

Auf zweiseitig.com finden sich nur selten persönliche Texte. Meine Person spielt im Blog eigentlich keine Rolle, ich will nicht im Zentrum meines Schreibens stehen. Wer regelmäßig mitliest, weiß das. Doch das Ludwigsparkstadion ist Teil meiner Heimat, meiner Identität. Und damit stehe ich nicht alleine, sondern stellvertretend für eine Menge Fußballfans in Saarbrücken und dem Saarland. Diesen Menschen gegenüber haben die politisch Handelnden eine Verantwortung, ganz egal, welcher Partei sie angehören. Ist es Zufall, dass in diesem Jahr in Saarbrücken eine Oberbürgermeisterwahl ansteht? Wird das Saarbrücker Ludwigsparkstadion gerade zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren zum Mittel des Stimmenfangs?

Das könnte sich rächen. Die Argumente liegen auf der Hand: Eine künftige Bauruine wäre ein Schandmal für die Stadt Saarbrücken. Unfähigkeit und Planlosigkeit hätten ihr eigenes Denkmal oberhalb des Ludwigskreisels. Millionen von Steuergeldern wären versenkt im Nichts. Mehrkosten sind ärgerlich, sie sind nicht zu rechtfertigen. Politiker haben einen Auftrag gegenüber dem Bürger. Sie müssen sich daran messen lassen, was sie versprechen. Vor einigen Jahren stimmte der Stadtrat mehrstimmig für den Umbau des Stadions. Ein Finanzplan wurde abgenickt. Dieser Finanzplan ist grandios gescheitert. Die Folgen sollten nicht die Bürger der Stadt Saarbrücken tragen müssen. Angemessen wären höchstens politische Konsequenzen, etwa personeller Art. Die gab es bisher nicht. Stattdessen wird versucht, aus eigenen Fehlern größtmögliches politisches Kapital zu schlagen. Mit Verantwortungsbewusstsein hat das nichts zu tun.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Michael Meyer sagt:

    Verantwortungsbewusstsein ?
    Leider hab ich mittlerweile den Glauben daran ,das unsere Politiker nur ein Fünkchen Verantwortungsbewusstsein besitzen verloren. Beispiele gibt es genug wo man gegen das Volk und nur noch für die Partei- oder Eigeninteresse handelt. Vielleicht gibt es noch eine Handvoll Politiker die integer sind ,aber die werden spätestens dann ,wenn man in der Partei hochsteigt glatt gebügelt.
    ich war mal richtig stolz und überzeugt von unserem politischen System.Aber leider hat sich das in den letzten 15 bis 20 Jahren ins Gegenteil umgekehrt.
    genau so verhält sich die saarländische Politikerkaste jetzt beim Bau des Ludwigspark !!
    Da wird betrogen ,getäuscht und die Unwahrheit gegenüber der Öffentlichkeit kommuniziert das sich die Balken biegen.
    man manipuliert die Öffentlichkeit für Wahlkampfzwecke !!!!
    Mir als Mitglied und Fan seit ca.50 Jahren blutet das Herz wenn ich die Vorgänge beim Bau in und um den Ludwigspark sehe.
    Ich würde mir wünschen das man die handelnden Personen später auch für Ihre Verschwendung von Steuergeldern (16 Mio.,20 Mio.,24 Mio.28 Mio,34 Mio. für ein Teilumbau mit drei Tribünen ohne Rasenheizung,ohne neues Flutlicht ,und mit einer 40 Jahre alten Tribüne die noch nicht einmal ertüchtigt werden soll und das zum Preis von ca.40 Mio???).

    l.Grüße Michael

  2. Michael sagt:

    zur Rechenschaft zieht !!!
    sorry ,vergessen

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